Berner Schuss vor den Bug des SEK

 
Thomas Wipf
Pfr. Thomas Wipf
So soll, so kann es nicht weitergehen im Schweizer Protestantismus. Die Leitung der Berner Kirche, der grössten Kirche im Evangelischen Kirchenbund SEK, redet Klartext. Sie fordert in einem Bericht vom SEK mehr Abstimmung mit den Kantonalkirchen, theologisches Profil, ein anderes Finanzgebaren – und sie will die Abgeordnetenversammlung gegenüber dem SEK-Rat unter Pfr. Thomas Wipf stärken.

Der neunköpfige SEK-Rat stellt sich am 18. Juni, wenn die Abgeordneten der 26 Mitgliedkirchen in St. Gallen zusammenkommen, zur Wiederwahl. Die beherrschende Stellung des Ratsvorsitzenden Pfr. Thomas Wipf im SEK ist einer von vielen Kritikpunkten in dem 17-seitigen Papier, das der Synodalrat, die Leitung der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der Synode vorgelegt hat. Die Synode hat am Dienstag vom Bericht zustimmend Kenntnis genommen.

Wipfs Stellung „strukturell unmöglich“
Der Synodalrat schreibt: „Der Ratspräsident des SEK ist auf der strategischen Ebene Vorsitzender, Aussenminister des Schweizerischen Protestantismus, Spiritus Rector, Sprecher des SEK – und gleichzeitig auf der operationellen Ebene der Chef (CEO) des Sulgenauweges“ (Sitz des SEK in Bern). Dies sei „strukturell betrachtet eine Unmöglichkeit“, urteilt die Berner Kirchenleitung. Das Ratspräsidium müsse vom Tagesgeschäft entlastet werden.

 
Samuel Lutz
Samuel Lutz

Personalkarussell im SEK
Dass die Abgeordneten der Kirchen die interne Organisation der SEK-Geschäftsstelle vollständig dem Rat übertragen haben, bezeichnet der Synodalrat nun als Fehler. Zudem äussert er Besorgnis über die „hohe Personalfluktuation in der Geschäftsstelle“ – über 50 Personen (!) haben seit Wipfs Amtsantritt 1999 gekündigt, schieden teils nach kurzer Zeit aus, wurden pensioniert oder entlassen.

Finanzplan fehlt
Die Berner rügen, dass im SEK „nach wie vor kein brauchbarer Finanzplan vorliegt“. hat. Die Landeskirchen von Zürich und Bern erbringen zusammen die Hälfte der 5,8 Millionen Franken, die von den Mitgliedkirchen zum SEK fliessen. Sie stellen aber bloss ein Viertel der stimmberechtigten Abgeordneten, die das Budget beschliessen. Dies soll sich ändern. Zwei Drittel der SEK-Mittel fliessen in die knapp 2690 Stellenprozente (derzeit 34 Personen). Der Synodalrat nimmt es nicht länger hin, dass sich die Schere zwischen SEK-Budget und den Möglichkeiten der Mitgliedkirchen öffnet.

Was soll der SEK?
Doch die Berner Kirchenleitung leistet in ihrem Bericht, der durch eine Motion des früheren SEK-Ethikers Hans Ulrich Germann ausgelöst wurde, noch einiges mehr: Sie blickt auf das Werden des Kirchenbunds zurück und würdigt die Arbeit der letzten Jahre, namentlich die Stellungnahmen in gesellschaftspolitischen Fragen. In der Folge nimmt der Synodalrat das Gefüge des Schweizer Protestantismus unter die Lupe und fordert, der SEK solle vor allem die Zusammengehörigkeit der reformierten Kirchen in der Schweiz fördern. Dabei sei die inhaltliche Debatte über die organisatorischen Belange zu stellen.

Die Berner kritisieren, dass der SEK intern Broschüren zu Abendmahl und Taufe verfertigte, ohne die Mitgliedkirchen einzubeziehen. „Gemeinsame Themen verlangen nach einem synodalen Prozess der Konsensfindung.“ Und noch deutlicher: „Der SEK hat seine Dienste nicht ausschliesslich und an Stelle seiner Mitgliedkirchen zu erbringen, sondern unter Einbezug derselben.“

 
Was wird vom Schweizer
Was wird vom Schweizer Protestantismus noch wahrgenommen?

Wird der Protestantismus unkenntlich?
Der Synodalrat wird deutlich: „Zur inhaltlichen Debatte gehört wesentlich dazu, im gesellschaftlichen Kontext und im ökumenischen und interreligiösen Umfeld das reformierte Profil zur Geltung zu bringen. Der Protestantismus ist nicht eine Erscheinung, die im 16. Jahrhundert begonnen hat, die sich aber in der modernen Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit säkularisiert oder sich innerhalb der postmodernen Religiosität und Spiritualität mit der Zeit selber auflöst. Er muss sich aber immer wieder neu seines Glaubens, seiner Tradition und im ökumenischen Umfeld auch seines spezifischen Profils vergewissern.“

Das Glaubensgut vielstimmig wahren
Weiter heisst es an dieser Stelle: „Es ist Aufgabe der Reformierten Kirche auf allen ihren Ebenen, also auch des SEK, das reformierte Glaubensgut zu wahren, zusammen mit den Mitgliedkirchen zu vertiefen, zu profilieren, zu aktualisieren und nach innen und nach aussen zu kommunizieren. Um dem schweizerischen Protestantismus eine Stimme zu geben, wird immer wieder moniert, er müsse mit einer Stimme auftreten. Dies entspricht nicht dem reformierten Kirchenverständnis…“

Die Einheit des Protestantismus im Land sei in der Vielfalt zu suchen und zu finden.

Erneuerung auf synodalem Weg
Die Berner wenden sich gegen den Vorschlag, durch ein reformiertes Bischofsamt das geistliche Profil des Protestantismus zu schärfen. Vielmehr habe dies synodal zu geschehen: durch die Aufwertung der (bisher bloss zweimal jährlich tagenden) Abgeordnetenversammlung zu einer nationalen kirchlichen Synode. Das Zusammenwachsen der Landeskirchen zu einer ‚Reformierten Kirche Schweiz’ ist – schon aufgrund der Rechtslage – keine Option: „Die Mitgliedkirchen sind nicht in der Lage und auch nicht dazu bereit, Kompetenzen ihrer Synoden an den SEK zu delegieren.“

Mehr zum Thema:
Der Bericht des Berner Synodalrates über das Verhältnis zum SEK
Ziele und Strategien des SEK-Rates von 2004

Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch
Datum: 02.06.2006

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