Folgen der Christianisierung der Schweiz

 
Christenverfolgungen in Rom
Mosaik, das Christenverfolgungen in Rom darstellt

Erste Christen auf dem Gebiet der Schweiz
Bischof Eucherius von Lyon berichtet im 5. Jahrhundert von den Ereignissen um die Thebäische Legion (einer römischen Eliteinheit), die ums Jahr 300 in St. Maurice im Wallis stationiert war. Viele ihrer Soldaten hatten sich zu ihrem christlichen Glauben bekannt und weigerten sich, Christen aus der Region zu verfolgen. Einige der Soldaten wurden hingerichtet, andere konnten fliehen: Felix und Regula nach Turicum (Zürich), Urs und Victor nach Solothurn. Die Geflüchteten halfen mit, das Evangelium an ganz neue, noch unerreichte Orte zu tragen. Manche wurden zu Märtyrern und starben für ihren Glauben. Noch heute sind die Märtyrer Felix und Regula im Siegel des Kantons Zürich verewigt.

Eine Bewegung breitet sich in der Schweiz aus
Trotz aller Verfolgungen durch die römischen Kaiser breitete sich die Bewegung des Christentums
 
Felix, Regula und ihr Diener
Felix, Regula und ihr Diener Exuperantius auf dem Siegel des Kantons Zürich
auch in der Schweiz weiter aus. Der Theologe P. H. Uhlmann schreibt in seiner Kirchengeschichte, dass um das Jahr 300 etwa 15 Prozent der Einwohner des Römischen Reiches Christen waren. Die einheitliche Sprache und Kultur des Römischen Reiches und die neuen Verkehrswege erlaubten eine rasche Ausbreitung. So brachten in den ersten Jahrhunderten nach Christus wohl römische Soldaten und Kaufleute das Evangelium nach Genf, Sitten, Chur, Basel, Zürich und Winterthur und in andere römische Siedlungen. Im 13. Jahrhundert wurde erstmals von Beatus berichtet, einem Mönch, der das Evangelium in die Region des Thuner Sees gebracht haben und dort ums Jahr 100 gestorben sein soll. Eine Überlieferung besagt, dass er als Glaubensbote aus Irland an den Thuner See gekommen war. Indem er sich der Armen und Kranken annahm, erwarb er sich das Vertrauen der Einheimischen. Seine Wohnstätte in der Höhle am Thuner See (Beatus-Höhle) wurde zu einem berühmten Pilgerort. Die ersten Christen überzeugten ihr Umfeld durch ihre Gemeinschaft, die Bereitschaft, auch für ihren Glauben zu sterben (wie Felix und Regula in Zürich), und ihre Dienste an den Armen und Benachteiligten. Die junge Kirche ging keine Kompromisse mit dem Heidentum ein. Eine pseudochristliche Lehre namens Gnosis, die Erlösung durch Erkenntnis und nicht durch den Glauben an Jesus Christus versprach, wurde klar abgelehnt. Die Gnosis wurde zur Vorläuferlehre des Humanismus und des modernen New-Age-Denkens. Der Historiker Michael Hesemann weist in seinem Buch "Hitlers Religion" auch dem Nationalsozialismus gnostische Wurzeln nach. Wie die Gnosis lehren auch heute noch östliche Religionen wie der Buddhismus die Erlösung durch Erkenntnis. Diese
 
Wappen von Beatenberg
Wappen von Beatenberg am Thuner See mit Beatus als zentraler Figur.
Ansichten stehen im Kontrast zum Christentum, das die Erlösung durch die Gnade des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus, lehrt. "Die Gnostiker setzen an die Stelle der Bekehrung der Herzen eine Ablenkung des Gehirns" (Eugen Rosenstock-Huessy).

Die irischen Glaubensboten
Die Bewegung der Christen in der Schweiz hatte einen verheissungsvollen Start. Im Lauf der der Zeit wurde sie jedoch immer lauer. Als im Jahre 600 die ersten irischen Glaubensboten in die Schweiz kamen, fanden sie zwar einige Christen in den römischen Siedlungen und in den damaligen Bischofssitzen in Basel, Genf, Sion, Martigny und Chur. Aber der Grossteil der Bevölkerung glaubte an den keltisch-germanischen Wotan, an Donar und Loki, oder besuchte gallo-römische Tempel in den Städten. Die irischen Glaubensboten Columban und Gallus brachten einen kräftigen, an der Bibel orientierten und durch Wunder und Zeichen bestätigten Glauben an Jesus in die Schweiz. Ihr Ziel war es, als Apostel das Evangelium von Jesus unter die Leute zu bringen. Sie wollten keine Kirche oder Konfession gründen. Ihre selbstlose Hingabe und ihr Eifer führten zur Gründung von Klöstern wie zum Beispiel dem nach Gallus benannten Kloster St. Gallen. Diese wurden zu Brückenköpfen eines vitalen und wachsenden Christentums. Bildung, landwirtschaftliches Wissen, Versorgung der Armen und das Evangelium erreichten nun langsam
 
Mosaik aus Augusta Raurica
Mosaik aus Augusta Raurica (Augst). Es zeigt Gladiatoren beim brutalen Kampf auf Leben und Tod in der Arena; eine Sitte, die das Christentum nicht übernahm.
die Herzen der Alemannen in der Schweiz. Der Historiker Dr. Sigmund Widmer schreibt darüber: "Das Christentum, wie es durch die Glaubensboten, Märtyrer und Eremiten und die ersten Klöster vorgelebt wurde, ging als Alternative weit über das im materiellen Siedlungskonzept verharrende Denken der Alemannen hinaus." Drei Jahrhunderte später standen überall in der Schweiz christliche Kirchen. Die Schweiz des 9./10. Jahrhunderts war bereits weitgehend vom Christentum durchdrungen.

Das Wirken Columbans zu Beginn des 8. Jahrhunderts wurde auch zu einer neuen Herausforderung für die römische Kirche. Im Jahr 712 schickte der Papst den Engländer Wynfreth als Apostel und Missionar zu den Germanen - besser bekannt unter seinem späteren Namen Bonifatius. Bei Geismar in Hessen fällte er 723 n. Chr. die berühmte germanische Donar-Eiche. In seiner Vita Bonifatii ("Lebenslauf des Bonifatius") schreibt der Mainzer Priester Willibald um 760:
"Bonifatius unternahm es, eine ungeheure Eiche, die mit ihrem alten heidnischen Namen Jupitereiche genannt wurde, in einem Ort, der Geismar hiess, im Beisein der ihn umgebenden Knechte Gottes zu fällen. Als er nun in der Zuversicht seines standhaften Geistes den Baum zu fällen begonnen hatte, verwünschte ihn die grosse Menge der anwesenden Heiden als einen Feind ihrer Götter lebhaft in ihrem Innern. Als er jedoch den Baum angehauen hatte, wurde sofort die gewaltige Masse der Eiche von göttlichen Wehen geschüttelt und stürzte mit gebrochener Krone zu Erde, und wie durch höheren Winkes Kraft barst sie in vier Teile."

 
Beatus-Höhle
Beatus-Höhle am Thuner See

Soziale Veränderungen durch das Christianisierung
Die jahrhundertelange Christianisierung bewirkte in der damaligen Gesellschaft massive soziale Veränderungen. Lutz E. von Padberg erwähnt die folgenden Bereiche:

Sozialfürsorge
"Die Auswirkungen des neuen Glaubens werden zuerst deutlich in den verschiedenen Formen der Sozialfürsorge, namentlich der konkreten Hilfestellung für Bedürftige, Arme und Kranke."

Sklaverei
 
Columban auf einem Gemälde
Columban auf einem Gemälde in einer Kapelle in Iona, Schottland
"Während man die Sklaverei als Wirtschaftsfaktor offensichtlich akzeptierte, war man ähnlich wie in der Frühen Kirche darum bemüht, wenigstens das individuelle Los der betroffenen Menschen zu lindern. Ausdrücklich verboten wurde seitens der Kirche, dass Gläubige ihre Sklaven an Heiden verkauften, wo sie schlimmstenfalls geopfert [als Menschenopfer dargebracht] werden konnten."

Landwirtschaft
"So leisteten die Rodungsklöster eine doppelte Aufgabe: Sie förderten sowohl die Verchristlichung des Landes ausserhalb der Städte als auch den Landausbau."

Achtung des Menschenlebens
"Die Wertschätzung der menschlichen Existenz war ein wirkungsvolles Ergebnis der Verkündigung des Evangeliums. Sie zeigte sich in dem Bemühen der Kirche um die friedliche Beilegung von üblicherweise blutig ausgetragenen Konflikten und einem beginnenden Rechtsschutz des Lebens überhaupt."

Weiterführende Literatur und Links:
 
Wappen von Tuggen /Schwyz
Wappen von Tuggen /Schwyz, das die irischen Glaubensboten auf ihrem Weg übers Meer nach Europa zeigt. In Tuggen hatte Columban den Menschen das Evangelium von Jesus Christus gepredigt.
1. Historisches Lexikon der Schweiz: Christianisierung
2. Historisches Lexikon der Schweiz: Thebäische Legion
3. Mauritius und die Thebäische Legion, in: Reformierte Nachrichten
4. Peter H. Uhlmann, Kirchengeschichte 1 (KG1) - Kursmanuskript
5. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Band Ur- und Frühzeit, Artemis Verlag, Zürich 1975
6. The Celtic Evangelization
7. Willibald von Mainz, Vita Bonifatii, 760 n. Chr., zitiert in: Lutz E. von Padberg, Die Christianisierung Europas im Mittelalter, Reclam, Stuttgart 1998



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