Wohlstandsgesellschaft

Ursprung unseres Wohlstandes I:


Neue Einstellung zur Arbeit im 16. Jahrhundert durch die Reformation.
 
Soziologe Max Weber
Der deutsche Soziologe Max Weber
Die Reformation verstärkte auch die positive Einstellung zur Arbeit. Der deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) stellte später die protestantische Arbeitsethik als bedeutenden Faktor für den Wohlstand in den modernen Industriegesellschaften dar. Allerdings hatten schon die Benediktinermönche "gebetet und gearbeitet"; "ora et labora" lautete ihr Wahlspruch. Zwingli drückte das so aus: "Die Arbeit ist ein gut göttlich Ding." Der Historiker Dr. Sigmund Widmer schreibt dazu: "Reichtum und Wohlhabenheit der heutigen Staaten deckt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit der Adaption von Zwinglis Arbeitsethos."

Ursprung unseres Wohlstandes II:

Banken "Know How" kommt in die arme Schweiz des 17. Jahrhunderts
Als Folge von Glaubenskriegen in Frankreich und anderen Teilen Europas entstanden immer wieder Ströme von Glaubensflüchtlingen. Am 24. August 1572 werden in Paris auf Anordnung von König Karl IX. und seiner Mutter Katharina von Medici Tausende calvinistischer Protestanten - Hugenotten - ermordet, die zur Hochzeit des protestantischen Königs Heinrich von Navarra nach Paris gekommen waren. Fünf Tage dauerte das Massaker, bekannt geworden als Bartholomäus-
 
Bartholomäus-Nacht
Bartholomäus-Nacht, das Massaker an den Hugenotten in Paris
Nacht. Auch in anderen Städten kam es zu ähnlichen Pogromen. Zwischen 10.000 und 50.000 Hugenotten fanden den Tod. Die Schweiz, vor allem Genf, Basel und Zürich, nahmen immer wieder Hugenotten und andere Glaubensflüchtlinge auf. 1688 hielten sich allein in Zürich 1073 Flüchtlinge auf. Dies entsprach etwa 10 Prozent der damaligen Bevölkerung. Dieses "Investment" an Geld und Fürsorge von seiten der Eidgenossen bewirkte im nachhinein einen unglaublichen "Return on Investment" für die genannten Städte und das ganze Land, man kann es aus christlicher Perspektive auch Segen nennen, das heisst irdischen Lohn für richtiges und konsequentes Handeln vor Gott. Die Hugenotten brachten wichtige Kenntnisse im Bankwesen und in der Uhrmacherei in die arme Schweiz.

Ursprung unseres Wohlstandes III:

Industrialisierung der Schweiz im 19.Jahrhundert
 
Spinnerei in Winterthur
Spinnerei in Winterthur
Neben der bäuerlichen Welt, wie sie Gotthelf in seinen Romanen beschrieb, wandelten sich ganze Regionen unter dem Einfluss der einsetzenden Industrialisierung. Das "Ancién Regime" war zusammengebrochen. Ab 1820 begann man mit der industriellen Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle. Überall entstanden Spinnereien und Fabriken. Der Typus des Unternehmers war geboren. Die neue liberale Gesellschaftsordnung gab dem Einzelnen ganz neue unternehmerische Freiheiten, sofern er über Kapital verfügte und bereit war, Risiken zu tragen. Die Freiheit des Unternehmers war aber oft nicht die Freiheit des Arbeiters. Der industrielle Aufschwung, ganz besonders in der Textilindustrie, war geprägt von unvorstellbar langen Arbeitszeiten, schwierigsten Arbeitsbedingungen und brutaler Kinderarbeit. Aber auch andere
 
Spinnerei um 1840
Spinnerei um 1840
Industriezweige entstanden in dieser Zeit. 1834 gründete Johann Jakob Sulzer in Winterthur eine Eisengiesserei, später kamen Schiffsdieselmotoren und Lokomotiven dazu. Sulzer wuchs stetig an zu einem Weltkonzern, erreichte seine Blütezeit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und durchlebte in den 90er Jahren eine schwere Krise. 1886 gründeten der Chemiker Alfred Kern und der Prokurist Edouard Sandoz die Firma Kern und Sandoz. Novartis ist heute eines der weltweit führenden Pharmaunternehmen. 1866 erfand Henri Nestlé eine Babynahrung aus Milch, Zucker und Weizenmehl. Heute ist Néstlé ein weltweit tätiges Unternehmen.

Ursprung unseres Wohlstandes IV:

Gründung von Banken und Versicherungen im 19. Jahrhundert
Der Eisenbahnkönig und Zürcher Nationalrat Alfred Escher gründete 1856 die "Schweizerische Kreditanstalt" und 1858 die "Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt". Als Eisenbahnpolitiker trieb er die Pläne für ein allgemeines schweizerisches Eisenbahnnetz voran. 1872 wurde er an die Spitze der Gotthardbahnverwaltung berufen. Er setzte sich auch erfolgreich dafür ein, dass Zürich ein Polytechnikum, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH),
 
Goldbarren CH
aufbaute. Alfred Escher wurde zu einem der mächtigsten Männer im damaligen Zürich und in der Schweiz und stand auch - positiv ausgedrückt - für die Synergien zwischen Politik und Wirtschaft. Andere nannten dies Verfilzung und Interessensverflechtung und opponierten mit Volksinitiativen gegen seine Herrschaft. Als Demokratische Bewegung bezeichnet man diejenigen Kräfte der 1860er Jahre, die sich gegen die Kontrolle des Staatswesens durch die Liberalen und Radikalen richtete. Man wollte mehr direkte demokratische Mitsprache und erreichte schliesslich bedeutende Verfassungsrevisionen.

Ursprung unseres Wohlstandes V:

Das Schweizer Bankkundengeheimnis
Schon während des 1. Weltkrieges brachten viele Vermögende aus dem Ausland ihr Geld in die Schweiz, da die politische Stabilität im Heimatland nicht mehr gegeben war. 1934 wurde das Bankgeheimnis im "Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen" gesetzlich verankert. Dafür mussten sich die Banken von der Eidgenössischen Bankenkommission kontrollieren lassen. Die Bankiervereinigung definiert das weltbekannte Bankgeheimnis, als Bankkundengeheimnis, d.h. als
 
Alfred-Escher-Statue
Alfred-Escher-Statue vor dem Zürcher Bahnhofportal
Recht des Bankkunden auf Schutz seiner ökonomischen Privatsphäre. Tatsache ist, dass der Bankensektor heute mehr als 100'000 Personen in der Schweiz beschäftigt und über 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes generiert. Der Finanzplatz Schweiz verwaltet 2000-3000 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern und hat somit im Bereich "Offshore"-Banking (Privatvermögen, das nicht im Heimatland des Begünstigten verwaltet wird) einen Anteil von geschätzten 30-40 Prozent am Weltmarkt. Schon einige Male geriet das Schweizer Bankkundengeheimnis unter Druck, weil Potentatengelder (Gelder von Diktatoren) auf Schweizer Konten gefunden wurden, so im Falle von Ferdinand Marcos, Mobutu Sese Seko, Sani Abacha, Slobodan Milosevic, Valdimir Montesions und Jean-Claude Duvalier. Während der Zeit des Nationalsozialismus erlaubte dieses Bankkundengeheimnis reichen Juden, ihre Vermögen dem nationalsozialistischen Staat zu entziehen.

Zunehmender Wohlstand der Nachkriegsjahre
Nach dem 2. Weltkrieg war Europa in einen Westblock und einen Ostblock gespalten. Schon bald begann das atomare Wettrüsten, das zwischen den USA und der Sowjetunion zu einem Gleichgewicht des Schreckens führte. Die Schweizer Industrie und Infrastruktur waren nach dem Krieg unversehrt geblieben. Das brachte dem Land in Europa einen fast einzigartigen Vorteil. Die Finanz-, Pharma-, Maschinen- und Uhrenindustrie konnten nun ihre Stellung entsprechend ausbauen, ihre Geschäfte internationalisieren und in den Nachkriegsjahren stark wachsen. Es folgten Jahrzehnte des stetig steigenden Wohlstandes. Die Einführung der schweizerischen Sozialwerke AHV und IV (Renten- und Invaliditätsversicherung) brachten endlich für breite Bevölkerungskreise eine zunehmende soziale Sicherheit.

 
Der Eisenbahnkönig Alfred Escher
Der Eisenbahnkönig Alfred Escher

Materialismus und Hedonismus
Der Materialismus und das Streben nach materiellen Glück, Erfüllung durch beruflichen Status und Geld sind im Laufe der 90er Jahre immer mehr zu einer Ersatzreligion geworden. Der Materialismus zeigt sich exemplarisch in einer zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich (in der Schweiz verfügen 7 Prozent der Bevölkerung über 93 Prozent des Privatvermögens!), in der Diskussion um die Millionengehälter von Spitzenmanagern und bei Jugendlichen, die in der Schuldenfalle enden, weil sie der Konsumgüterwerbung geglaubt haben. Neben dem Materialismus hat sich auch der Hedonismus ("Ich mache, wozu ich Lust habe") als Ersatzreligion des modernen Menschen etabliert. An Technokonzerten und der Streetparade manifestiert sie sich auch für den Durchschnittsbürger.

 
Der VW Käfer
Der VW Käfer - das Sinnbild für steigenden Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten der Nachkriegsjahre
 
Streetparade in Zürich
Streetparade in Zürich

Weiterführende Literatur und Links:
1. Hugenottenverfolgung: www.bourdeaux.de/hugenot.htm
2. Stellungnahme der Schweiz. Evang. Allianz zum Thema Wirtschaftsethik
3. Bankgeheimnis: http://de.wikipedia.org/wiki/Bankgeheimnis



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