Kirche des Mittelalters auf Abwegen

 
Kaiser Konstantin
Kaiser Konstantin

Von der dynamischen Bewegung zur Staatskirche im 4. Jahrhundert
Eine weitreichende Entwicklung startet um 313 n. Chr. mit Kaiser Konstantin. Mit externem Druck liessen sich die Christen nicht besiegen. Konstantin erklärte das Christentum zur Staatsreligion und den Sonntag zum allgemeinen Ruhetag. Damit wurde die immer noch junge Bewegung zwar nicht mehr verfolgt, doch langfristig massiv geschwächt. Die Christen versammelten sich fortan nicht mehr in den Häusern, sondern ein Sakralbau, die Kirche, wurde zum Treffpunkt. Mit der Immobilie Kirche wurde die Bewegung der Christen immobil und ihre Organisationsstrukturen kontrollierbar. Der Klerus (Priester, Bischöfe) bekommt nun immer mehr auch weltliche Macht und der Dienst des Apostel, Propheten und Evangelisten nimmt ab. Der nordafrikanische Kirchenvater Tertullian hatte ums Jahr 200 die Kindertaufe noch abgelehnt und betont, der Glaube an Jesus sei eine persönliche Entscheidung und könne nicht vererbt werden. In der Praxis der Kirche nahm sie aber stetig zu. In den ersten Jahrhunderten wurden die charismatischen Dienste (Heilungen von Kranken, Prophetien) ausdrücklich erwähnt. Später nehmen sie allmählich ab und damit auch die Kraft der Kirche in der Gesellschaft. Auch der Dienst des Apostels, der die Kirche strategisch plant und dynamisch ausbaut, wird zunehmend durch den notwendigen, aber statischen Dienst von Verwaltern und Bischöfen ersetzt. So war es nicht verwunderlich, dass das Christentum in den ersten Jahrhunderten zwar die römischen Garnisonen in der Schweiz erreichte (wie Turicum/Zürich), aber die breite Masse der Landbevölkerung Helvetiens nach wie vor dem keltisch-germanischen Gott Wotan ihre Opfer brachte.

 
Apostel Markus, Matthäus und Petrus
Die Jünger von Jesus Christus und späteren Apostel Markus, Matthäus und Petrus

Kompromisse der Kirche mit den vorherrschenden Religionen im 5. Jahrhundert
Die Staatskirche ging nun auch Kompromisse mit heidnischen Religionen ein. Der syrische Mönch Nestorius (gestorben ca. 451 n. Chr.) lehnte Marias Titel als "theotokos" ("Gottesgebärerin") ab und verteidigte seine Auffassung, dass Maria zwar die irdische Mutter von Jesus, nicht aber die Mutter Gottes sei. Das Kirchen-Konzil von Ephesus (431 n. Chr.) verurteilte seine Lehre und bestätigte den Titel, der seitdem in der orthodoxen und in der römisch-katholischen Kirche verwendet wird. Die Mutter-Kind-Anbetung war in vielen heidnischen Religion der Antike verbreitet. Schon das Alte Testament der Bibel berichtet ausführlich von diesem Spannungsfeld, in dem sich die damaligen Juden befanden: Auf der einen Seite forderten die Richter und Propheten des alten Israel die alleinige Verehrung von Jahwe, dem Gott der Bibel, der sie aus der Gefangenschaft in Ägypten in das "verheissene Land", nach Israel, geführt hatte. Auf der anderen Seite war da stets die Versuchung durch die viel sichtbareren, scheinbar realeren, aber auch sehr grausamen Götzenkulte für Baal und die Astarte. Der biblische König Ahab und seine Frau Isebel und König Manasse erlagen dieser Versuchung und verehrten diese falschen Gottheiten.

 
Babylonische Göttin mit Kind
Babylonische Göttin mit Kind
Die frühe Kirche ging einen ähnlichen Weg. Sie erlag den heidnischen Riten der Mutter-Kind- Anbetung. Ausprägungen davon findet man z. B. in Ägypten als Isis und Horus, in Griechenland als Ceres oder Irene und Plutus, in Rom Venus und Adonis und in Skandinavien als Frigg (Frigga) und Balder (Baldr). In Babylon wurden die beiden als Ischtar und Tammus und in Phönizien als Aschtoret (=Astarte) und Baal verehrt. Mit dem Konzilsbeschluss von 431 fand eine heidnische Praxis den Weg in die christliche Kirche. Entsprechend beliebt wurde dann auch der Marienkult. An manchen Orten wie zum Beispiel in Einsiedeln wurden später Skulpturen der Maria mit Kind aufgestellt und verehrt.

Machtpolitik in Europa im 11. Jahrhundert
Unter den Merowingern und unter dem Frankenherrscher Karl dem Grossen (gest. 814) ging eine Entwicklung weiter, die um 313 n. Chr. mit Kaiser Konstantin eingesetzt hatte: Die Kirche wurde auch in weltlichen Belangen immer mächtiger. Ende des 11. Jahrhunderts konnte Papst Gregor VII neben dem religiösen auch den weltlichen Führungsanspruch des Papstes über das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" durchsetzen. Kurz darauf führte Papst Gregor VII das Zölibat ein, die Verpflichtung der Priester zu lebenslanger Ehelosigkeit - eine Entscheidung, die die Priester bis heute belastet. 1095 riefen Papst Urban II und Bernhard von Clairvaux, ein asketischer Zisterzienser-Mönch und eifriger Klostergründer, zum ersten Kreuzzug ins Heilige Land auf. "Hier für Christus grausam sein ist die höchste Stufe der Seligkeit", proklamierte er in seinen Predigten. Bernhard von Clairvaux lehrte den Weg zu Gott über Askese, Mystik (Einweihung und wachsende Erkenntnis mit dem Ziel der Selbstvervollkommnung) und Marienverehrung und nicht durch Umkehr des Menschen und Gnade durch den Tod von Jesus Christus, wie es die Lehre der ersten Christen und der Apostel war. Bernhard gab dem Templerorden auch die strengen mönchischen Regeln.

 
Schwarze Madonna mit Kind
Schwarze Madonna mit Kind im Kloster Einsiedeln
Um 1120 gründeten adlige Ritter in Jerusalem den Templerorden. Sie verstanden sich zunächst als Geleitschutz für Pilger ins Heilige Land und legten auch Mönchsgelübde ab. Der Orden hatte sein Hauptquartier auf dem Tempelplatz, wo einst der jüdische Tempel stand. Der Orden wurde durch den Handel zwischen dem Orient und Europa sehr reich und mächtig, so mächtig, dass König Philipp von Frankreich sie verfolgte. So wurden sie unter anderem angeklagt wegen Kontakten zu den Assassinen (moslemischen Attentätern) und Anbetung anderer Götter. Viele von ihnen wurden getötet. Der Orden wurde 1312 aufgelöst und verboten. Doch die Kreuzzüge gingen weiter, insgesamt 300 Jahre lang. Auf dem Weg ins Heilige Land wurden dabei auch Juden verfolgt; zum Beispiel im Rheinland. In dieser Zeit startete auch die Inquisition, die Verfolgung von Andersgläubigen wie den Katharern und Waldensern. Die Inquisition wurde 1231 unter direkter Aufsicht des Papstes angeordnet und ihre Ausführung dem Dominikanerorden übertragen. Schwere dunkle Schatten schienen sich auf die Kirche gelegt zu haben. Unter dem Deckmantel der Religion wucherten Machtpolitik und Intrigen. Die hierarchischen Strukturen der Kirche und ihr eigener weltlicher Machtanspruch boten dafür hinreichend Angriffsflächen.

"Silber und Gold haben wir nicht!" - Oder doch?
Die Bewegung der Christen startete als Untergrundbewegung in einfachen Häusern. Die ersten
 
Bernhard von Clairvaux
Bernhard von Clairvaux
Apostel konnten noch zu einem Gelähmten sagen: "Silber und Gold haben wir nicht, doch was wir haben, geben wir dir: Im Namen von Jesus Christus - Gelähmter, stehe auf!" Die Kirche des Mittelalters hatte nun viel Silber und Gold. Doch wie häufig sagte sie noch: "Stehe auf und geh!" Nun, da die Kirche zu einem Machtfaktor geworden war, wurde diese Macht auch in Statussymbolen dokumentiert. In Städten wie Köln, Basel, Strassburg, Freiburg und Bern errichtete man riesige Kathedralen und Münster aus Stein. Die Botschaft von Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, der seinen Jüngern demütig die Füsse wusch, stand nicht mehr im Zentrum.

Die Kirche übertrug den Bau der Kathedralen den Dombauhütten, hierarchisch organisierten und europaweit tätigen Gruppen von Steinmetzen, die ihre Baukunst geheim hielten. An den Kathedralen platzierten die Steinmetze auch immer wieder sogenannte Wasserspeier. Wasserspeier sind obskure und teilweise auch dämonisch aussehende Gestalten, die irgendwie nicht zu christlichen Kathedralen und Menschen die Jesus Christus anbeten passen. Technisch dienten die Wasserspeier zur Ableitung des Regenwassers und zum Schutz der Bausubstanz. In einigen Büchern zu den Münstern und Domen wird spekuliert, die obskure Gestalt der Wasserspeier hätten das Böse von den Kathedralen fernhalten sollen - eine magische Vorstellung, die stark mit den Aussagen der Bibel zu diesem Thema kontrastiert.

 
Bewaffnete „Mönche“
Bewaffnete „Mönche“, Tempelritter oder Templer genannt
Die Menschen jener Zeit bauten Gott ein Haus nach eigenem Gutdünken. Das ganze Vorhaben des Kathedralenbaus im Mittelalter erinnert an den in der Bibel beschriebenen Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9). Auch dort bauten Menschen gemeinsam einen Turm, um "sich einen Namen zu machen". In den Kathedralen sollte sich auch die vermeintliche Fähigkeit des Menschen ausdrücken, sich aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln Gott zu nähern. Die Botschaft, daß der Schöpfer von Himmel und Erde sich seinerseits durch Jesus den Menschen genähert hatte, stand dieser Haltung diametral gegenüber. Die damaligen Steinmetze und der zuvor beschriebenen Orden der Templer gelten heute einigen Forschern als geistige Vorläufer der Freimaurerei.

 
Darstellung des Jüngsten 2006
Haupteingang am Berner Münster
 
Darstellung am Berner Münster
Darstellung des Jüngsten Gerichtes am Berner Münster
Die Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden gehen ihren eigenen Weg
Was mag Uri, Schwyz und Unterwalden im Jahr 1291 bewogen haben, sich so klar von Habsburg und damit vom Heiligen Römischen Reich loszusagen und all die Opfer eines eigenständigen Weges auf sich zu nehmen? Die Schwyzer kämpften schon seit einiger Zeit gegen den Einfluss der Habsburger und gegen das Kloster Einsiedeln. Zwar ist die historische Grundlage von Schillers Dramen über den "Befreiungskampf der Urschweizer", über Wilhelm Tell und den habsburgischen Landvogt Gessler, sehr umstritten. Doch kann man sicher sagen, dass die habsburgischen Landvögte in Uri, Schwyz und Unterwalden nicht sonderlich beliebt waren und ihre Herrschaft als Besatzung empfunden wurde. Als dann Deutschland für drei Jahrzehnte ohne Kaiser war (in der Zeit des "Interregnum" von 1245-73), hatte die Autorität des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" weiter gelitten und die Waldstätte Uri, Schwyz und Unterwalden zur Selbsthilfe motiviert.

 
Wasserspeier am Münster
Wasserspeier am Münster in Freiburg im Breisgau
 
Turmbau zu Babel
Turmbau zu Babel in einem mittelalterlichen Gemälde
 
Wilhelm Tell
Wilhelm Tell, Schweizer Nationalheld in Schillers Drama
 
Bundesbrief von 1291
Bundesbrief von 1291
Weiterführende Literatur und Links:

1. Beat Christen, La Suisse existe, 2001, Jordi Medienhaus
2. Klaus Plaar, Studien zur Geschichte der Juden in Zofingen, 1993, Verlag Zofinger Tagblatt
3. Peter Dürrenmatt, Schweizer Geschichte, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963



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