Niedergang des Ancién Regime

 
Fraumünster im Mittelalter
Fraumünster im Mittelalter

Sittenmandate
Der reformierten Kirche gelang es, die Bibel wieder unter die Menschen zu bringen. Doch sie blieb eine Staatskirche - wie auch die katholische Kirche. Ein Folge dieses Konzeptes war, dass die reformierte Staatskirche immer wieder Sittenmandate (Kleider- und sittliche Verhaltensvorschriften) erliess, um ihre Mitglieder "von weltlichen Versuchungen fernzuhalten". Viele dieser Mandate wurden nur oberflächlich befolgt und nicht aus innerer Zustimmung. Trotzdem war die Gesellschaft des 16. und 17. Jahrhunderts in der Schweiz noch zutiefst vom christlichen Glauben geprägt.

Eine erkaltende Kirche unterdrückt Pietisten
Anfang des 18. Jahrhunderts war der reformatorische Schwung in den reformierten Kirchen ziemlich erlahmt. Ein Sittenmandat löste das andere ab. In Deutschland erschien 1675 das Werk "Pia Desideria" von Philip Jakob Spener, das einen verinnerlichten christlichen Glauben und eine Revision des Theologiestudiums forderte. Der Wunsch nach echter christlicher Gemeinschaft, einem konsequenten Leben nach der Bibel und einer persönlichen Glaubensbeziehung mit Gott
 
Philip Jakob Spener
Philip Jakob Spener
nahmen zu. Die reformierten Staatskirchen, vor allem in Bern und Zürich, reagierten ablehnend. Theologen, die sich zum Pietismus, wie diese Frömmigkeit bald genannt wurde, bekannten, verloren ihre Ämter. "Die Kraft zu einer Erneuerung der christlichen Kirche fehlte", schreibt dazu der Historiker Sigmund Widmer.

Ancién Regime
Die regierenden Aristokraten und die Obrigkeit der Staatskirchen erstarrten im Lauf des 18. Jahrhunderts zunehmend in ihren Traditionen. In Bern nannte man sie "Die Gnädigen Herren". Aufkeimende Veränderungen, die ihre Macht und ihren Einfluss bedrohen konnten, unterdrückten sie. Ein gewisser Johan Adam Gruber prophezeite am 1. Januar 1717 der Zürcher Obrigkeit und der Eidgenossenschaft den Untergang, falls sie nicht zu Gott umkehren würden. Die Zürcher Kirchen- und Staatsobrigkeit reagierte gereizt auf solche Wortmeldungen und verbot die Zusammenkünfte der Pietisten und das Lesen ihrer Schriften. Leider erfüllte sich die Prophetie Grubers nur wenige Jahrzehnte später mit dem Niedergang der alten Eidgenossenschaft.

 
Grossmünster in Zürich
Grossmünster in Zürich

Niedergang der alten Eidgenossenschaft
1792 stürmte die Pariser Bevölkerung die Tulerien, die Residenz des französischen Königs, und verhaftete ihn. Zwischen April 1793 und Juli 1794 wurden durch Revolutionstribunale etwa 40.000 Menschen hingerichtet. Bei der Verteidigung der Tulerien fielen auch viele Schweizer Söldner. Ihr mutiger Einsatz für einen fragwürdigen und dekadenten König wurde in Luzern mit dem Löwendenkmal geehrt. 1798 fiel Bern an die Franzosen; die alte Eidgenossenschaft ging unter. Französische Truppen besetzten die Schweiz. Es war eine unglaublich harte Zeit für die Schweizer Bevölkerung. Die Aristokratie, das Ancién Regime, hatte sich als unfähig erwiesen, auf die Zeichen der Zeit zu reagieren, und ging nun zusammen mit der alten Eidgenossenschaft unter. Der Zentralstaat Helvetische Republik wurde 1798 in Aarau ausgerufen. Die föderalistische Struktur der Schweiz wurde vollkommen eliminiert und eine Einheitswährung eingeführt. Die Helvetische Republik hielt nicht lange und versank schliesslich im Chaos. Als Mediator (Vermittler) verordnete Napoleon Bonaparte 1803 der Schweiz in der "Mediationsakte" eine föderalistische Verfassung und neue Gebietsaufteilung und gab ihr ihre Autonomie weitgehend zurück. Die ehemaligen Untertanengebiete und "zugewandten Orte" wurden nun zu Kantonen. 1815 bestätigten die europäischen Grossmächte am Wiener Kongress die Neutralität der Schweiz.

 
Löwendenkmal für die gefallenen
Löwendenkmal für die gefallenen Schweizer Söldner in Luzern
 
Französische Soldaten im Schweizer
Französische Soldaten im Schweizer Furttal plündern einen Bauernhof

Weiterführende Literatur und Links:
1. Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, Band 4. Die Neuzeit, Hänssler-Verlag 2004
2. Peter H. Uhlmann, Kirchengeschichte 2, unveröffentlichtes Kursmanuskript
3. Schweizer Geschichte, Peter Dürrenmatt, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
4. Sittenmandate: http://zh.ref.ch/content
 
Napoleon als Mediator
Napoleon als Mediator
5. Zürich - eine Kulturgeschichte. Puritaner im Barock, Sigmund Widmer, Zürich 1978



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