Arbeiterelend - Massenarmut und Alkoholismus

 
Spinnerei in Winterthur
Spinnerei in Winterthur

Industrialisierung der Schweiz
Neben der bäuerlichen Welt, wie sie Gotthelf in seinen Romanen beschrieb, wandelten sich ganze Regionen unter dem Einfluss der einsetzenden Industrialisierung. Das "Ancién Regime" war zusammengebrochen. Ab 1820 begann man mit der industriellen Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle. Überall entstanden Spinnereien und Fabriken. Der Typus des Unternehmers war geboren. Die neue liberale Gesellschaftsordnung gab dem Einzelnen ganz neue unternehmerische Freiheiten, sofern er über Kapital verfügte und bereit war, Risiken zu tragen. Die Freiheit des Unternehmers war aber oft nicht die Freiheit des Arbeiters. Der industrielle Aufschwung, ganz besonders in der Textilindustrie, war geprägt von unvorstellbar langen Arbeitszeiten, schwierigsten Arbeitsbedingungen und brutaler Kinderarbeit. Aber auch andere Industriezweige entstanden in dieser Zeit. 1834 gründete Johann Jakob Sulzer in Winterthur eine Eisengiesserei, später kamen Schiffsdieselmotoren und Lokomotiven dazu. Sulzer wuchs stetig an zu einem Weltkonzern, erreichte seine Blütezeit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und durchlebte in den 90er Jahren eine schwere Krise. 1886 gründeten der Chemiker Alfred Kern und der Prokurist Edouard Sandoz die Firma Kern und Sandoz. Novartis ist heute eines der weltweit führenden Pharmaunternehmen. 1866 erfand Henri Nestlé eine Babynahrung aus Milch, Zucker und Weizenmehl. Heute ist Néstlé ein weltweit tätiges Unternehmen.

 
Spinnerei um 1840
Spinnerei um 1840

Schwierige Arbeitsbedingungen und industrielle Umwälzunen
1815 erliess Zürich das erste Fabrikgesetz: Die Kinderarbeit unter 10 Jahren wurde verboten, die Arbeitszeiten wurden auf 12 Stunden pro Tag begrenzt. 1877 erliess auch der Bund ein Fabrikengesetz, das den Arbeitstag auf 11 Stunden beschränkte und die Kinderarbeit unter 14 Jahren verbot. 1831 wurde in Uster die Maschinenweberei Corrodi & Pfister gestürmt, da die neuen Maschinen die Arbeitsplätze von Tausenden von Heimwebern im Zürcher Oberland überflüssig machten.

Massenarmut, Hungersnöte, Alkoholprobleme und Auswanderungswellen
Ein Einfuhrverbot für Baumwolle trieb 1810 viele Handelsunternehmen in den Konkurs. Rund 200'000 arbeitslose Weber und Sticker mussten aus der Schweiz auswandern. Asche- und Staubwolken eines Vulkanausbruches in Indonesien sorgten 1815 während 18 Monaten weltweit für kaltes Wetter. 1816 kam es nach katastophalen Missernten zu Hungersnöten. Allein in St. Gallen starben mehrere Tausend Menschen an den Folgen des Hungers. Andere suchten in den USA, Argentinien, Kanada und Brasilien eine neue Existenz aufzubauen. Doch die Reise in das neue Leben war lang (30-60 Tage) und gefährlich; Krankheiten wie Typhus und Pocken drohten. Eng verbunden mit dem Problem der Armut war auch der Alkoholmissbrauch. 1885 erliess der
 
Maschinenweberei zur damaligen
Maschinenweberei zur damaligen Zeit
Bund einen "Alkoholartikel", der nun Vorschriften über die Alkoholherstellung zuliess.

 
Auswanderer verabschieden sich.
Auswanderer verabschieden sich.
 
Auswanderer auf einem Schiff
Auswanderer auf einem Schiff bei der Atlantiküberquerung.

Weiterführende Literatur und Links:
1. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Aufschwung mit dem Liberalismus, Zürich 1982



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