Humanisten, Freidenker und Liberale

 
Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam

Das Entstehen des Humanismus im 15/16. Jahrhundert
Seit der Zeit der Hoch-Scholastik (Albertus Magnus und Thomas von Aquin) befasste sich die Kirche wieder mit Aristoteles und anderen Denkern der antiken Welt. Die Kreuzritter hatten Abschriften von bedeutenden alten Werken ins Abendland gebracht. Der Humanismus nahm diese Impulse der Antike auf. In dieser Geistesströmung glaubte man an das Gute im Menschen, an seinen freien Willen und an geistige Ideale, die er aus eigener Anstrengung und Weisheit erreichen könne. Das Weltbild der Bibel geht davon aus, dass der Mensch sich von Gott entfernt hat, in dieser Ferne (=Sünde) gebunden ist und nur durch Gottes Gnade und Vergebung wieder zu einem freien Leben findet. Erasmus von Rotterdam galt als führender Vertreter des Humanismus. Sein grösstes Verdienst ist wohl die Herausgabe des ersten griechischen Neuen Testaments von 1516. Die Reformatoren verwendeten es für ihre deutschen Übersetzungen. Erasmus liess sich schliesslich in Basel nieder und veröffentlichte seine Werke in dieser Metropole der zeitgenössischen Publizistik.

Der deutsche Aufklärer Lessing und seine Ring-Parabel
Der Schriftsteller und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist der bedeutendste Vertreter der Aufklärung im deutschsprachigen Raum. Er stellte die Vernunft über die Offenbarung: Was nachvollziehbar erscheint, könne man gelten lassen. Anderes dürfe man frei interpretieren oder ganz beiseite legen. Ein Gott, der sich in der menschlichen Geschichte zeigt und sogar Mensch wird, war ihm ein Graus. Warum sollte man "zufällige Geschichtswahrheiten" (die Ereignisse der Bibel) zu "notwendigen Vernunftwahrheiten" erklären (also zu Glaubensaussagen, die per defintionem "vernünftig" sein müssen)? Das Gute im Menschen sei auch ohne diese
 
Grabstein von Gotthold Ephraim
Grabstein von Gotthold Ephraim Lessing
göttlichen Zutaten entwicklungsfähig.

Bezeichnend für seine Einstellung ist die Ringparabel im Drama "Nathan der Weise" (1779). Diese Erzählung hat wie kaum ein anderes Stück Literatur die europäische Geistesgeschichte zutiefst geprägt. Lessing stellt dort er die Frage nach der wahren Religion: Ein reicher Mann mit drei Söhnen besaß einen Ring mit der "geheimen Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug". Auf dem Sterbebett vererbte er jedem ein täuschend echtes Duplikat, weil er keinen bevorzugen wollte. Nach seinem Tod gingen die Söhne im Streit um die Vorherrschaft vor den Richter, denn nun war jeder und keiner zum Erben eingesetzt. Der Richter konnte die Frage nach dem rechten Ring nicht klären, sondern er belehrte die drei Männer, daß jeder von ihnen so leben solle, ob er das Original besäße. "So seid ihr alle drei betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring vermutlich ging verloren."

"Der echte Ring ging verloren" - das ist das düstere Glaubensbekenntnis des größten "Aufklärers" der deutschen Geschichte. Den biblischen Glaube, der "vor Gott und Menschen angenehm" macht, den gebe es nicht mehr. Seine Wirkung muß man sich nun selber verdienen, indem man so tut, als ob man diesen Ring/ Glauben besäße und den Vater in Wahrheit beerbt hätte! Lessing leistet sich damit eine Verdrehung des biblischen Gleichnisses vom Verlorenen Sohn (Lukas-Evangelium, Kapitel 15) und ein Loblied auf eine Knechtschaft, die durch Jesus beendet wurde. Der Glaube an ihn macht tatsächlich "angenehm". Die Ringparabel ist damit ein elegant verpackter Aufruf, sich von der biblischen Botschaft abzuwenden und stattdessen eine Leistungsmoral zu leben.

 
Gotthold Ephraim Lessing
Gotthold Ephraim Lessing

Freidenker, Liberale und Radikale
Lessings Haltung stand für die vieler Freidenker, Liberaler und Freimaurer seiner Zeit, und sie hat die religiöse Haltung im deutschsprachigen Raum bis heute tiefgreifend geprägt. 1771 wurde in Zürich eine der ersten Freimaurerlogen der Schweiz gegründet. Der Einfluß der Freimaurer auf das Schweizer Staatswesen war bedeutend, aber für viele nicht offensichtlich, da die praktizierenden Freimaurer sich nicht öffentlich als solche zu erkennen geben. Die Partei der Radikalen, der Vorläufer der heutigen Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) vertrat die Einstellungen von Freidenkern und Liberalen in der Politik. Diese setzten ihr Gedankengut zunehmend auch in der Wirtschaft um und waren massgeblich an der forschen Industrialisierung der Schweiz und dem Aufblühen des Kapitalismus beteiligt. Einige waren als Fabrikdirektoren auch verantwortlich für die brutale Kinderarbeit und die unendlich langen Arbeitszeiten unter gesundheitsschädigenden Bedingungen.

Jeremias Gotthelf - ein politisch Liberaler der tief im christlichen Glauben verwurzelt blieb
1832 wurde Albert Bitzius Pfarrer von Lützelflüh im Emmental. Zuerst setzte er sich als politisch Liberaler für die Gleichstellung der Berner Landbevölkerung ein. Doch im Gegensatz zu vielen
 
Albert Bitzius
Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf
Liberalen und Radikalen seiner Zeit war Bitzius alias Gotthelf tief im christlichen Glauben verwurzelt und hatte als Intellektueller einen erstaunlich gutes "Gespür" für die Sorgen und Anliegen seiner Zeitgenossen. Als Volksschriftsteller Jeremias Gotthelf beschrieb er das Leben der Bauern und Handwerker im Emmental im 19. Jahrhundert. Seine Romane waren geprägt von den Themen Schule ("Leiden und Freuden eines Schulmeisters"), dem Armenwesen und dem Umgang mit Geld ("Geld und Geist"). Jeremias Gotthelf war einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine Romane geben auch heute noch Zeugnis von einem verinnerlichten christlichen Glauben, einem Glauben, der sich nicht darauf beschränkt, zur Kirche zu gehen. Er wurde im Alltag gelebt.

Der erste Bundesratspräsident der Schweiz
Jonas Furrer stammte aus Winterthur, war Freimaurer und einer der Radikalen, die die Wahl des liberalen Theologen David Friedrich Strauss in Zürich durchdrücken wollten. Seine eigene Wiederwahl in den Grossen Rat von Zürich scheiterte darum. Später wurde er der erste Bundesratspräsident der Schweiz. Die Mehrheit des Bundesrates zu dieser Zeit gehörte der Radikalen Partei. Im Nationalrat hielten die Radikalen 87 der 110 Sitze und 30 der 44 Sitze im Ständerat.

 
Jonas Furrer
Jonas Furrer
Weiterführende Literatur und Links:
1. Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte. Die Neuzeit. Band 4, Hänssler-Verlag 2004
2. Gotthold Ephraim Lessing: http://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Ephraim_Lessing
3. Peter Dürrenmatt, Schweizer Geschichte, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
4. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte Revolution und Biedermeier, Zürich 1980
5. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Aufschwung mit dem Liberalismus, Zürich 1982
6. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Schöngeister und Aufrührer, Zürich 1979



  Artikel versenden
Druckansicht

Aktuell

Auf den eidgenössischen Dank-, Buss-, und Bettag wurde diese Seite gestartet. Sie gibt einen Einblick in die Schweizer Geschichte.

Ihre Rückmeldungen und Ideen können Sie gerne an schweizer-geschichte@livenet.ch senden.



 

 

 

 

Technik: Livenet.ch & Jesus.ch [Design, Webhosting, CMS]
Suche 
Newsletter bestellen