JESUS.CH - 01.05.2017, 06:23
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4. Das Mittelalter und der Beginn der Eidgenossenschaft

 
Bernhard von Clairvaux
Bernhard von Clairvaux

Machtpolitik in Europa im 11. Jahrhundert
Unter den Merowingern und unter dem Frankenherrscher Karl dem Grossen (gest. 814) ging eine Entwicklung weiter, die um 313 n. Chr. mit Kaiser Konstantin eingesetzt hatte: Die Kirche wurde auch in weltlichen Belangen immer mächtiger. Ende des 11. Jahrhunderts konnte Papst Gregor VII neben dem religiösen auch den weltlichen Führungsanspruch des Papstes über das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" durchsetzen. Kurz darauf führte Papst Gregor VII das Zölibat ein, die Verpflichtung der Priester zu lebenslanger Ehelosigkeit - eine Entscheidung, die die Priester bis heute belastet. 1095 riefen Papst Urban II und Bernhard von Clairvaux, ein asketischer Zisterzienser-Mönch und eifriger Klostergründer, zum ersten Kreuzzug ins Heilige Land auf. "Hier für Christus grausam sein ist die höchste Stufe der Seligkeit", proklamierte er in seinen Predigten. Bernhard von Clairvaux lehrte den Weg zu Gott über Askese, Mystik (Einweihung und wachsende Erkenntnis mit dem Ziel der Selbstvervollkommnung) und Marienverehrung und nicht durch Umkehr des Menschen und Gnade durch den Tod von Jesus Christus, wie es die Lehre der ersten Christen und der Apostel war. Bernhard gab dem Templerorden auch die strengen mönchischen Regeln.

 
Bewaffnete "Mönche",
Bewaffnete "Mönche", Tempelritter oder Templer genannt
Um 1120 gründeten adlige Ritter in Jerusalem den Templerorden. Sie verstanden sich zunächst als Geleitschutz für Pilger ins Heilige Land und legten auch Mönchsgelübde ab. Der Orden hatte sein Hauptquartier auf dem Tempelplatz, wo einst der jüdische Tempel stand. Der Orden wurde durch den Handel zwischen dem Orient und Europa sehr reich und mächtig, so mächtig, dass König Philipp von Frankreich sie verfolgte. So wurden sie unter anderem angeklagt wegen Kontakten zu den Assassinen (moslemischen Attentätern) und Anbetung anderer Götter. Viele von ihnen wurden getötet. Der Orden wurde 1312 aufgelöst und verboten. Doch die Kreuzzüge gingen weiter, insgesamt 300 Jahre lang. Auf dem Weg ins Heilige Land wurden dabei auch Juden verfolgt; zum Beispiel im Rheinland. In dieser Zeit startete auch die Inquisition, die Verfolgung von Andersgläubigen wie den Katharern und Waldensern. Die Inquisition wurde 1231 unter direkter Aufsicht des Papstes angeordnet und ihre Ausführung dem Dominikanerorden übertragen. Schwere dunkle Schatten schienen sich auf die Kirche gelegt zu haben. Unter dem Deckmantel der Religion wucherten Machtpolitik und Intrigen. Die hierarchischen Strukturen der Kirche und ihr eigener weltlicher Machtanspruch boten dafür hinreichend Angriffsflächen.

Die Judenverfolgungen
Im 10. und 11 Jahrhundert liessen sich viele Juden in den durch die Kyburger, Zähringer, Froburger und andere Rittergeschlechte neu gegründeten schweizerischen und deutschen Städten nieder. Sie waren willkommen und wurden im Bankenwesen, im Handel, als Ärzte und im Geldverkehr tätig. Zeitweise standen sie unter dem Schutz des Kaisers. Immer wieder waren Bürger der Städte oder auch Klöster bei den Juden hochverschuldet. Als dann die ersten Gerüchte wegen der Pest umgingen, verdächtigte man vielerorts die Juden der Brunnenvergiftung. In Zofingen, Bern, Basel, Winterthur und anderen Städten wurden sie verbrannt. Diese Verfolgung mag neben einer antisemitischen Einstellung der Bürger auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben, da durch den Tod der Juden zugleich die Schulden der Gläubiger verfielen.

 
Juden als Geldwechsler
Juden als Geldwechsler im Mittelalter

"Silber und Gold haben wir nicht!" - Oder doch?
Die Bewegung der Christen startete als Untergrundbewegung in einfachen Häusern. Die ersten Apostel konnten noch zu einem Gelähmten sagen: "Silber und Gold haben wir nicht, doch was wir haben, geben wir dir: Im Namen von Jesus Christus - Gelähmter, stehe auf!" Die Kirche des Mittelalters hatte nun viel Silber und Gold. Doch wie häufig sagte sie noch: "Stehe auf und geh!" Nun, da die Kirche zu einem Machtfaktor geworden war, wurde diese Macht auch in Statussymbolen dokumentiert. In Städten wie Köln, Basel, Strassburg, Freiburg und Bern errichtete man riesige Kathedralen und Münster aus Stein. Die Botschaft von Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, der seinen Jüngern demütig die Füsse wusch, stand nicht mehr im Zentrum.

 
Berner Münster
Berner Münster
Die Kirche übertrug den Bau der Kathedralen den Dombauhütten, hierarchisch organisierten und europaweit tätigen Gruppen von Steinmetzen, die ihre Baukunst geheim hielten. An den Kathedralen platzierten die Steinmetze auch immer wieder sogenannte Wasserspeier. Wasserspeier sind obskure und teilweise auch dämonisch aussehende Gestalten, die irgendwie nicht zu christlichen Kathedralen und Menschen die Jesus Christus anbeten passen. Technisch dienten die Wasserspeier zur Ableitung des Regenwassers und zum Schutz der Bausubstanz. In einigen Büchern zu den Münstern und Domen wird spekuliert, die obskure Gestalt der Wasserspeier hätten das Böse von den Kathedralen fernhalten sollen - eine magische Vorstellung, die stark mit den Ausagen der Bibel zu diesem Thema kontrastiert.

Die Menschen jener Zeit bauten Gott ein Haus nach eigenem Gutdünken. Das ganze Vorhaben des Kathedralenbaus im Mittelalter erinnert an den in der Bibel beschriebenen Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9). Auch dort bauten Menschen gemeinsam einen Turm, um "sich einen Namen zu machen". In den Kathedralen sollte sich auch die vermeintliche Fähigkeit des Menschen ausdrücken, sich aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln Gott zu nähern. Die Botschaft, daß der Schöpfer von Himmel und Erde sich seinerseits durch Jesus den Menschen genähert hatte, stand dieser Haltung diametral gegenüber. Die damaligen Steinmetze und der zuvor beschriebenen Orden der Templer gelten heute einigen Forschern als geistige Vorläufer der Freimaurerei.

 
Darstellung des Jüngsten Gerichtes
Darstellung des Jüngsten Gerichtes am Berner Münster

Die Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden gehen ihren eigenen Weg
Was mag Uri, Schwyz und Unterwalden im Jahr 1291 bewogen haben, sich so klar von Habsburg und damit vom Heiligen Römischen Reich loszusagen und all die Opfer eines eigenständigen Weges auf sich zu nehmen? Die Schwyzer kämpften schon seit einiger Zeit gegen den Einfluss der Habsburger und gegen das Kloster Einsiedeln. Zwar ist die historische Grundlage von Schillers Dramen über den "Befreiungskampf der Urschweizer", über Wilhelm Tell und den habsburgischen Landvogt Gessler, sehr umstritten. Doch kann man sicher sagen, dass die habsburgischen Landvögte in Uri, Schwyz und Unterwalden nicht sonderlich beliebt waren und ihre Herrschaft als Besatzung empfunden wurde. Als dann Deutschland für drei Jahrzehnte ohne Kaiser war (in der Zeit des "Interregnum" von 1245-73), hatte die Autorität des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" weiter gelitten und die Waldstätte Uri, Schwyz und Unterwalden zur Selbsthilfe motiviert.

 
Turmbau zu Babel
Turmbau zu Babel in einem mittelalterlichen Gemälde
 
Wasserspeier am Münster
Wasserspeier am Münster in Freiburg im Breisgau
 
Wilhelm Tell
Wilhelm Tell, Schweizer Nationalheld in Schillers Drama
 
Bundesbrief von 1291
Bundesbrief von 1291

Weiterführende Literatur und Links:
1. Beat Christen, La Suisse existe, 2001, Jordi Medienhaus
2. Klaus Plaar, Studien zur Geschichte der Juden in Zofingen, 1993, Verlag Zofinger Tagblatt
3. Peter Dürrenmatt, Schweizer Geschichte, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963



 


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