JESUS.CH - 23.06.2017, 03:40
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7. Die Zeit nach der Reformation

 
Soldat zu Zeiten
Soldat zu Zeiten des Dreissigjährigen Krieges

Gespaltene Eidgenossenschaft
Nach Zürich und Genf werden Bern (1527), Waadt (1536), Neuenburg (1530), Basel (1529), St. Gallen (1528) und Schaffhausen (1529) reformiert. Einige Kantone bleiben gemischt wie Thurgau, Aargau, Appenzell, Glarus und Graubünden. Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Solothurn bleiben katholisch. Im Zweiten Kappeler Landfrieden von 1531 wird es den Kantonen überlassen, welcher Konfession sie angehören wollen. Eine positive Folge dieser Zweiteilung war, dass die beiden Lager bei europäischen Konflikten einander neutralisierten. Die Kennzeichen der späteren Schweiz, nämlich Neutralität und Föderalismus mit allen ihren Licht- und Schattenseiten, werden in dieser Zeit massgebend geprägt. Die Schweiz mischte sich nicht in den europäischen Machtkampf des Dreissigjährigen Krieges ein und blieb so von diesen schrecklichen Kriegswirren verschont. Dies verhinderte allerdings nicht, dass nach wie vor einzelne Kantone Söldner ins Ausland sandten. Im Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreissigjährigen Krieg beendete, wurde die Eidgenossenschaft nun auch "de jure" als selbständiger Staat anerkannt.

Aufnahme von hugenottischen Flüchtlingen
Als Folge von Glaubenskriegen in Frankreich und anderen Teilen Europas entstanden immer wieder Ströme von Glaubensflüchtlingen. Am 24. August 1572 werden in Paris auf Anordnung von König Karl IX. und seiner Mutter Katharina von Medici Tausende calvinistischer Protestanten - Hugenotten - ermordet, die zur Hochzeit des protestantischen Königs Heinrich von Navarra nach Paris gekommen waren. Fünf Tage dauerte das Massaker, bekannt geworden als Bartholomäus-Nacht. Auch in anderen Städten kam es zu ähnlichen Pogromen. Zwischen 10.000 und 50.000 Hugenotten fanden den Tod. Die Schweiz, vor allem Genf, Basel und Zürich, nahmen immer
 
Bartholomäus-Nacht
Bartholomäus-Nacht, das Massaker an den Hugenotten in Paris
wieder Hugenotten und andere Glaubensflüchtlinge auf. 1688 hielten sich allein in Zürich 1073 Flüchtlinge auf. Dies entsprach etwa 10 Prozent der damaligen Bevölkerung. Dieses "Investment" an Geld und Fürsorge von seiten der Eidgenossen bewirkte im nachhinein einen unglaublichen "Return on Investment" für die genannten Städte und das ganze Land, man kann es aus christlicher Perspektive auch Segen nennen, das heisst irdischen Lohn für richtiges und konsequentes Handeln vor Gott. Die Hugenotten brachten wichtige Kenntnisse im Bankwesen und in der Uhrmacherei in die arme Schweiz.

Sittenmandate
Der reformierten Kirche gelang es, die Bibel wieder unter die Menschen zu bringen. Doch sie blieb eine Staatskirche - wie auch die katholische Kirche. Ein Folge dieses Konzeptes war, dass die
 
Fraumünster im Mittelalter
Fraumünster im Mittelalter
reformierte Staatskirche immer wieder Sittenmandate (Kleider- und sittliche Verhaltensvorschriften) erliess, um ihre Mitglieder "von weltlichen Versuchungen fernzuhalten". Viele dieser Mandate wurden nur oberflächlich befolgt und nicht aus innerer Zustimmung. Trotzdem war die Gesellschaft des 16. und 17. Jahrhunderts in der Schweiz noch zutiefst vom christlichen Glauben geprägt.

Eine erkaltende Kirche unterdrückt Pietisten
Anfang des 18. Jahrhunderts war der reformatorische Schwung in den reformierten Kirchen ziemlich erlahmt. Ein Sittenmandat löste das andere ab. In Deutschland erschien 1675 das Werk "Pia Desideria" von Philip Jakob Spener, das einen verinnerlichten christlichen Glauben und eine Revision des Theologiestudiums forderte. Der Wunsch nach echter christlicher Gemeinschaft, einem konsequenten Leben nach der Bibel und einer persönlichen Glaubensbeziehung mit Gott nahmen zu. Die reformierten Staatskirchen, vor allem in Bern und Zürich, reagierten ablehnend. Theologen, die sich zum Pietismus, wie diese Frömmigkeit bald genannt wurde, bekannten, verloren ihre Ämter. "Die Kraft zu einer Erneuerung der christlichen Kirche fehlte", schreibt dazu der Historiker Sigmund Widmer.

 
Philip Jakob Spener
Philip Jakob Spener
Weiterführende Literatur und Links:
1. Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, Band 4. Die Neuzeit, Hänssler-Verlag 2004
2. Hugenottenverfolgung: www.bourdeaux.de/hugenot.htm
3. Peter H. Uhlmann, Kirchengeschichte 2, unveröffentlichtes Kursmanuskript
4. Schweizer Geschichte, Peter Dürrenmatt, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
5. Sittenmandate: http://zh.ref.ch/content/e3/e1144/e1161/e1492/e1497/e6816/e6820/e6823/index_ger.html
6. Zürich - eine Kulturgeschichte. Puritaner im Barock, Sigmund Widmer, Zürich 1978

http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/182/29054/



 


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