JESUS.CH - 24.10.2017, 00:27
URL: http://www.schweizergeschichte.ch/index.php/D/article/649/29088/

8. Zeit der Französischen Revolution

 
Grossmünster in Zürich
Grossmünster in Zürich

Ancién Regime
Die regierenden Aristokraten und die Obrigkeit der Staatskirchen erstarrten im Lauf des 18. Jahrhunderts zunehmend in ihren Traditionen. In Bern nannte man sie "Die Gnädigen Herren". Aufkeimende Veränderungen, die ihre Macht und ihren Einfluss bedrohen konnten, unterdrückten sie. Ein gewisser Johan Adam Gruber prophezeite am 1. Januar 1717 der Zürcher Obrigkeit und der Eidgenossenschaft den Untergang, falls sie nicht zu Gott umkehren würden. Die Zürcher Kirchen- und Staatsobrigkeit reagierte gereizt auf solche Wortmeldungen und verbot die Zusammenkünfte der Pietisten und das Lesen ihrer Schriften. Leider erfüllte sich die Prophetie Grubers nur wenige Jahrzehnte später mit dem Niedergang der alten Eidgenossenschaft.

Aufklärung und Pietismus
Das ausgehende 18. Jahrhundert ist eine Zeit des Umbruchs. Die Gedanken der Aufklärung greifen um sich. Man betonte Individualität, Freiheit und den freien Willen des Menschen. Die Aufklärung vertrat damit ähnliche Anliegen wie der Pietismus, nur erkannte sie dafür nicht mehr Gott als die Autorität an. Individualität, Freiheit und freien Willen besäße der Mensch aus sich selbst heraus, während der Pietismus diese als Gaben Gottes verstand. Beide Bewegungen wurden durch die kirchlich-staatliche Obrigkeit, das Ancién Regime, unterdrückt.

 
Pietismus
Eine Illustration der Pietisten zum schmalen und breiten Weg, einem Leben mit bzw. ohne Jesus Christus.

Lessing und seine Ring-Parabel
Der Schriftsteller und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ist der bedeutendste Vertreter der Aufklärung im deutschsprachigen Raum. Er stellte die Vernunft über die Offenbarung: Was nachvollziehbar erscheint, könne man gelten lassen. Anderes dürfe man frei interpretieren oder ganz beiseite legen. Ein Gott, der sich in der menschlichen Geschichte zeigt und sogar Mensch wird, war ihm ein Graus. Warum sollte man "zufällige Geschichtswahrheiten" (die Ereignisse der Bibel) zu "notwendigen Vernunftwahrheiten" erklären (also zu Glaubensaussagen, die per defintionem "vernünftig" sein müssen)? Das Gute im Menschen sei auch ohne diese göttlichen Zutaten entwicklungsfähig.

Bezeichnend für seine Einstellung ist die Ringparabel im Drama "Nathan der Weise" (1779). Diese Erzählung hat wie kaum ein anderes Stück Literatur die europäische Geistesgeschichte zutiefst geprägt. Lessing stellt dort er die Frage nach der wahren Religion: Ein reicher Mann mit drei Söhnen besaß einen Ring mit der "geheimen Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug". Auf dem Sterbebett vererbte er jedem ein täuschend echtes Duplikat, weil er keinen bevorzugen wollte. Nach seinem Tod gingen die Söhne im Streit um die Vorherrschaft vor den Richter, denn nun war jeder und keiner zum Erben eingesetzt. Der Richter konnte die Frage nach dem rechten Ring nicht klären, sondern er belehrte die drei Männer, daß jeder von ihnen so leben solle, ob er das Original besäße. "So seid ihr alle drei betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring vermutlich ging verloren."

 
Grabstein von Gotthold Ephraim
Grabstein von Gotthold Ephraim Lessing
 
Gotthold Ephraim Lessing
Gotthold Ephraim Lessing

"Der echte Ring ging verloren" - das ist das düstere Glaubensbekenntnis des größten "Aufklärers" der deutschen Geschichte. Den biblischen Glaube, der "vor Gott und Menschen angenehm" macht, den gebe es nicht mehr. Seine Wirkung muß man sich nun selber verdienen, indem man so tut, als ob man diesen Ring/ Glauben besäße und den Vater in Wahrheit beerbt hätte! Lessing leistet sich damit eine Verdrehung des biblischen Gleichnisses vom Verlorenen Sohn (Lukas-Evangelium, Kapitel 15) und ein Loblied auf eine Knechtschaft, die durch Jesus beendet wurde. Der Glaube an ihn macht tatsächlich "angenehm". Die Ringparabel ist damit ein elegant verpackter Aufruf, sich von der biblischen Botschaft abzuwenden und stattdessen eine Leistungsmoral zu leben.

 
Schweizer Furttal
Französische Soldaten im Schweizer Furttal plündern einen Bauernhof

Freidenker, Liberale und Radikale
Lessings Haltung stand für die vieler Freidenker, Liberaler und Freimaurer seiner Zeit, und sie hat die religiöse Haltung im deutschsprachigen Raum bis heute tiefgreifend geprägt. 1771 wurde in Zürich eine der ersten Freimaurerlogen der Schweiz gegründet. Der Einfluß der Freimaurer auf das Schweizer Staatswesen war bedeutend, aber für viele nicht offensichtlich, da die praktizierenden Freimaurer sich nicht öffentlich als solche zu erkennen geben. Die Partei der Radikalen, der Vorläufer der heutigen Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) vertrat die Einstellungen von Freidenkern und Liberalen in der Politik. Diese setzten ihr Gedankengut zunehmend auch in der Wirtschaft um und waren massgeblich an der forschen Industrialisierung der Schweiz und dem Aufblühen des Kapitalismus beteiligt. Einige waren als Fabrikdirektoren auch verantwortlich für die brutale Kinderarbeit und die unendlich langen Arbeitszeiten unter gesundheitsschädigenden Bedingungen.

Niedergang der alten Eidgenossenschaft
1792 stürmte die Pariser Bevölkerung die Tulerien, die Residenz des französischen Königs, und
 
Löwendenkmal Luzern
Löwendenkmal für die gefallenen Schweizer Söldner in Luzern
verhaftete ihn. Zwischen April 1793 und Juli 1794 wurden durch Revolutionstribunale etwa 40.000 Menschen hingerichtet. Bei der Verteidigung der Tulerien fielen auch viele Schweizer Söldner. Ihr mutiger Einsatz für einen fragwürdigen und dekadenten König wurde in Luzern mit dem Löwendenkmal geehrt. 1798 fiel Bern an die Franzosen; die alte Eidgenossenschaft ging unter. Französische Truppen besetzten die Schweiz. Es war eine unglaublich harte Zeit für die Schweizer Bevölkerung. Die Aristokratie, das Ancién Regime, hatte sich als unfähig erwiesen, auf die Zeichen der Zeit zu reagieren, und ging nun zusammen mit der alten Eidgenossenschaft unter. Der Zentralstaat Helvetische Republik wurde 1798 in Aarau ausgerufen. Die föderalistische Struktur der Schweiz wurde vollkommen eliminiert und eine Einheitswährung eingeführt. Die Helvetische Republik hielt nicht lange und versank schliesslich im Chaos. Als Mediator (Vermittler) verordnete Napoleon Bonaparte 1803 der Schweiz in der "Mediationsakte" eine föderalistische Verfassung und neue Gebietsaufteilung und gab ihr ihre Autonomie weitgehend zurück. Die ehemaligen Untertanengebiete und "zugewandten Orte" wurden nun zu Kantonen. 1815 bestätigten die europäischen Grossmächte am Wiener Kongress die Neutralität der Schweiz.

 
Napoleon als Mediator
Napoleon als Mediator

Widerstand gegen die neue Ordnung aus der katholischen Innerschweiz
Niklaus Wolf von Rippertschwand - dieser Name steht für einen Katholiken im Kanton Luzern, der sich aus tiefem persönlichen Glauben an Jesus Christus gegen die neue Ordnung der Helvetischen Republik wandte. Er sammelte Menschen zum Gebet und engagierte sich in Kirche und Politik für den christlichen Glauben und gegen den zunehmenden Atheismus der nun "aufgeklärten" Schweiz.

Widerstand im reformierten Zürich
Auch im reformierten Zürich regte sich Widerstand. Die Obrigkeit, zunehmend unter dem Einfluss der Radikalen Partei, aber immer noch dem Konzept der Staatskirche verhaftet, sah es als ihre Aufgabe an, die Kirche nun nach aufklärerischen Prinzipien zu reformieren. Sie beriefen den deutschen Theologen David Friedrich Strauss als Professor an die Universität Zürich. Er war als Vorreiter der liberalen Theologie äusserst umstritten. Die humanistischen Grundlagen dieser Theologie sollten zu einer Unabhängigkeit von christlichen Lehren und kirchlichen Traditionen führen.

Doch was bleibt dann noch übrig? Wenig mehr als das So-tun-als-ob, wie es Lessings Ringparabel nahelegt. Allerdings geht "der echte Ring/ Glaube" diesmal nicht "verloren", sondern wird willentlich weggeworfen.

Diese Demontage haben auch viele Christen zur damaligen Zeit gespürt und sich heftigst dagegen gewehrt. Vor allem als staatliche Verordnung von oben kam die liberale Theologie gar nicht gut an. Im sogenannten Züriputsch vom 6. September 1839, der sich gegen die Berufung des liberalen Theologen Strauss richtete, marschierte die Zürcher Landbevölkerung in die Stadt und setzte die Regierung ab. Es folgte eine Zeit, in der sich Radikale und Konservative einen längeren Machtkampf lieferten.

 
David Friedrich Strauss
Der liberale Theologe David Friedrich Strauss

Aufklärung als Fortschritt?
War die Aufklärung nun der grosse Fortschritt, als der sie vielfach gepriesen wird? Sicher war sie zuallererst ein grosse, jedoch sehr blutig verlaufende Befreiung von einem erstarrten und unterdrückenden Ancién Régime. Im Bereich der Wissenschaften hat der Fortschritt seitdem eindeutig zugenommen, und die Trennung von Kirche und Staat wurde vollzogen und hatte viele positive Auswirkungen. Die Staatskirchen verloren ihr Monopol; freie Religionsausübung wurde möglich. Aufklärung und Liberalismus trugen im 19. Jahrhundert zur dramatischen Industrialisierung und zu massiven Produktionssteigerungen bei. Doch der einmal losgetretene Kapitalismus entwickelte sich immer mehr zu einem Monster: mit brutaler Kinderarbeit und langen Arbeitszeiten für die Arbeiter. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich wurde immer größer. Die menschliche Natur hat sich durch die Aufklärung nicht zum Besseren verändert: Die beiden Weltkriege samt dem Judenmord haben im "aufgeklärten" Europa ihren Anfang genommen. Und die liberale Theologie, das religiöse Nebenprodukt der Aufklärung, entwickelte sich zu einem kirchlichen Staubfänger: Wo ihre rein rationale Sicht der Welt gepredigt wurde, haben sich die Kirchen geleert.

 
Kinderarbeit in der Fabrik
Kinderarbeit in der Fabrik zur Zeit der Industrialisierung
Weiterführende Literatur und Links:

1. Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte. Die Neuzeit. Band 4, Hänssler-Verlag 2004
2. Gotthold Ephraim Lessing: http://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Ephraim_Lessing
3. Französische Revolution, Leiden der Bevölkerung im Kanton Zürich: www.zuonline.ch/1furttaler/archiv/storys_archiv.cfm?vID=916
4. Napoleon und die Schweiz: www.swissinfo.org/sde/swissinfo.html?siteSect=620
5. Peter Dürrenmatt, Schweizer Geschichte, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
6. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte Revolution und Biedermeier, Zürich 1980
7. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Aufschwung mit dem Liberalismus, Zürich 1982
8. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Schöngeister und Aufrührer, Zürich 1979
9. Züriputsch: www.maennedorf.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php?action=showinfo&info_id=730



 


© Jesus.ch 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Livenet.