JESUS.CH - 01.05.2017, 06:24
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9. Der Schweizerische Bundesstaat

 
Tagsatzung
Tagsatzung, die Versammlung von Abgesandten der einzelnen "Orte", d.h. Kantone.

Der Bettag - ein gemeinsamer Nenner der Konfessionen
Am 1. August 1832 beschloss die Tagsatzung - die Versammlung von Abgesandten der einzelnen "Orte", d.h. Kantone -, den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag auszurufen. Politisch war dies ein Versuch, das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen katholischen und reformierten Kantonen zu stärken. Es war aber auch ein eindrückliches Zeugnis von der Kraft des christlichen Glaubens, der trotz Aufklärung noch die verbindende Klammer der Schweiz war.

Der Weg zur Bundesverfassung
Auf der politischen Bühne tobte weiterhin ein Kampf zwischen Konservativen und Radikalen Einige der Aufklärung verpflichtete Zeitgenossen hatten inzwischen die Partei der Radikalen ins Leben gerufen, die Vorläuferin der heutigen FDP der Schweiz. Sie wollten damit ihre liberalen Grundsätze auch in der Politik umsetzen und versuchten, das Schulsystem und die Kirche unter die Gewalt des Staates zu bringen. Die Gegensätze in der Eidgenossenschaft schienen sich also um 1845 eher noch zu verschärfen. Die Aufhebung von Klöstern verärgerte aber die Konservativen und die katholischen Kantone, die sich ihrerseits zum Sonderbund zusammenschlossen. Die Radikalen forderten die Entfernung der Jesuiten aus Luzern. Unter der Führung von General Henri Dufour
 
Kloster Muri
Kloster Muri
marschierten im Sonderbundskrieg die Truppen der Tagsatzung (als Repräsentaten der Radikalen Mehrheit in der Tagsatzung) gegen katholische Orte. Die Truppen von General Dufour setzten sich schliesslich mit relativ wenig Blutvergiessen militärisch gegen die katholischen Orte durch, und die Schweiz erhielt 1848 ihre erste Bundesverfassung.

Der erste Bundesratspräsident der Schweiz
Jonas Furrer stammte aus Winterthur, war Freimaurer und einer der Radikalen, die die Wahl des liberalen Theologen David Friedrich Strauss in Zürich durchdrücken wollten. Seine eigene Wiederwahl in den Grossen Rat von Zürich scheiterte darum. Später wurde er der erste Bundesratspräsident der Schweiz. Die Mehrheit des Bundesrates zu dieser Zeit gehörte der Radikalen Partei. Im Nationalrat hielten die Radikalen 87 der 110 Sitze und 30 der 44 Sitze im Ständerat.

 
Jonas Furrer
Jonas Furrer

Erste Freikirchen entstehen - Widerstand in den Landeskirchen gegen die liberale Theologie
Staat und einflussreiche Kreise verordneten den Kirchen eine liberale Theologie, doch gleichzeitig verloren die Staatskirchen an Macht. Da Religionsfreiheit herrschte, entstanden in dieser Zeit die ersten Freikirchen: 1833 in Bern die erste Freie Evangelische Gemeinde (FEG), 1840 die erste Methodisten-Gemeinde und 1869 die erste Chrischona-Gemeinde. 1881 folgte die Heilsarmee, die neben einer geistlichen auch eine sehr starke soziale Ausrichtung hatte. Seither ist die Heilsarmee zu einem Markenzeichen für christliche Nächstenliebe gegenüber den Schwachen der Gesellschaft geworden. Aber auch in den reformierten Landeskirchen wehrten sich gläubige Menschen gegen die liberale Theologie und bildeten vielerorts erweckliche Gemeinschaften innerhalb ihrer Kirchen.

Stark verwurzelter christlicher Glaube auf dem Land
1832 wurde Albert Bitzius Pfarrer von Lützelflüh im Emmental. Zuerst setzte er sich als politisch Liberaler für die Gleichstellung der Berner Landbevölkerung ein. Doch im Gegensatz zu vielen Liberalen und Radikalen seiner Zeit war Bitzius alias Gotthelf tief im christlichen Glauben verwurzelt und hatte als Intellektueller einen erstaunlich gutes "Gespür" für die Sorgen und Anliegen seiner Zeitgenossen. Als Volksschriftsteller Jeremias Gotthelf beschrieb er das Leben der Bauern und Handwerker im Emmental im 19. Jahrhundert. Seine Romane waren geprägt von den Themen Schule ("Leiden und Freuden eines Schulmeisters"), dem Armenwesen und dem Umgang mit Geld ("Geld und Geist"). Jeremias Gotthelf war einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine Romane geben auch heute noch Zeugnis von einem verinnerlichten christlichen Glauben, einem Glauben, der sich nicht darauf beschränkt, zur Kirche zu gehen. Er wurde im Alltag gelebt.

 
Wappen der Heilsarmee
Wappen der Heilsarmee

Industrialisierung der Schweiz
Neben der bäuerlichen Welt, wie sie Gotthelf in seinen Romanen beschrieb, wandelten sich ganze Regionen unter dem Einfluss der einsetzenden Industrialisierung. Das "Ancién Regime" war zusammengebrochen. Ab 1820 begann man mit der industriellen Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle. Überall entstanden Spinnereien und Fabriken. Der Typus des Unternehmers war geboren. Die neue liberale Gesellschaftsordnung gab dem Einzelnen ganz neue unternehmerische Freiheiten, sofern er über Kapital verfügte und bereit war, Risiken zu tragen. Die Freiheit des Unternehmers war aber oft nicht die Freiheit des Arbeiters. Der industrielle Aufschwung, ganz besonders in der Textilindustrie, war geprägt von unvorstellbar langen Arbeitszeiten, schwierigsten Arbeitsbedingungen und brutaler Kinderarbeit. Aber auch andere Industriezweige entstanden in dieser Zeit. 1834 gründete Johann Jakob Sulzer in Winterthur eine Eisengiesserei, später kamen Schiffsdieselmotoren und Lokomotiven dazu. Sulzer wuchs stetig an zu einem Weltkonzern, erreichte seine Blütezeit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und durchlebte in den 90er Jahren eine schwere Krise. 1886 gründeten der Chemiker Alfred Kern und der Prokurist Edouard Sandoz die Firma Kern und Sandoz. Novartis ist heute eines der weltweit führenden Pharmaunternehmen. 1866 erfand Henri Nestlé eine Babynahrung aus Milch, Zucker und Weizenmehl. Heute ist Néstlé ein weltweit tätiges Unternehmen.

 
Albert Bitzius
Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf

Gründung von Banken und Versicherungen
Der Eisenbahnkönig und Zürcher Nationalrat Alfred Escher gründete 1856 die "Schweizerische Kreditanstalt" und 1858 die "Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt". Als Eisenbahnpolitiker trieb er die Pläne für ein allgemeines schweizerisches Eisenbahnnetz voran. 1872 wurde er an die Spitze der Gotthardbahnverwaltung berufen. Er setzte sich auch erfolgreich dafür ein, das Zürich ein Polytechnikum, die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH), aufbaute. Alfred Escher wurde zu einem der mächtigsten Männer im damaligen Zürich und in der Schweiz und stand auch - positiv ausgedrückt - für die Synergien zwischen Politik und Wirtschaft. Andere nannten dies Verfilzung und Interessensverflechtung und opponierten mit Volksinitiativen gegen seine Herrschaft. Als Demokratische Bewegung bezeichnet man diejenigen Kräfte der 1860er Jahre, die sich gegen die Kontrolle des Staatswesens durch die Liberalen und Radikalen richtete. Man wollte mehr direkte demokratische Mitsprache und erreichte schliesslich bedeutende Verfassungsrevisionen.

Schwierige Arbeitsbedingungen und industrielle Umwälzungen
1815 erliess Zürich das erste Fabrikgesetz: Die Kinderarbeit unter 10 Jahren wurde verboten, die Arbeitszeiten wurden auf 12 Stunden pro Tag begrenzt. 1877 erliess auch der Bund ein Fabrikengesetz, das den Arbeitstag auf 11 Stunden beschränkte und die Kinderarbeit unter 14 Jahren verbot. 1831 wurde in Uster die Maschinenweberei Corrodi & Pfister gestürmt, da die neuen Maschinen die Arbeitsplätze von Tausenden von Heimwebern im Zürcher Oberland überflüssig machten.

 
Spinnerei in Winterthur
Spinnerei in Winterthur

Massenarmut, Hungersnöte, Alkoholprobleme und Auswanderungswellen
Ein Einfuhrverbot für Baumwolle trieb 1810 viele Handelsunternehmen in den Konkurs. Rund 200'000 arbeitslose Weber und Sticker mussten aus der Schweiz auswandern. Asche- und Staubwolken eines Vulkanausbruches in Indonesien sorgten 1815 während 18 Monaten weltweit für kaltes Wetter. 1816 kam es nach katastophalen Missernten zu Hungersnöten. Allein in St. Gallen starben mehrere Tausend Menschen an den Folgen des Hungers. Andere suchten in den USA, Argentinien, Kanada und Brasilien eine neue Existenz aufzubauen. Doch die Reise in das neue Leben war lang (30-60 Tage) und gefährlich; Krankheiten wie Typhus und Pocken drohten. Eng verbunden mit dem Problem der Armut war auch der Alkoholmissbrauch. 1885 erliess der Bund einen "Alkoholartikel", der nun Vorschriften über die Alkoholherstellung zuliess.

 
Spinnerei um 1840
Spinnerei um 1840

Richard Wagner in Zürich
Der deutsche Komponist Richard Wagner verbrachte einen grossen Teil seines Lebens in Zürich. Er "thront" noch heute über dem Opernhaus, dem Kulturtempel dieser Stadt. Die Zürcher Zentralbibliothek schreibt: "Wagners Zürcher Jahre waren für seine künstlerische Entwicklung entscheidend. Hier hat er seine grossen theoretischen Werke geschrieben; hier komponierte er "Das Rheingold", "Die Walküre" und einen grossen Teil von "Tristan und Isold"und den "Siegfried". In Zürich lernte er die Werke Feuerbachs und Schopenhauers kennen; hier entstanden auch die ersten Pläne für seinen "Parsifal"." Er wurde dabei von wohlhabenden Schweizer Industriellen unterstützt. Hitler bemerkte später einmal über Richard Wagner: "Für mich ist Wagner etwas Göttliches. Seine Musik ist meine Religion."

Basler Mission
1815 wurde im christlich geprägten Basel die "Basler Mission" gegründet. Sie sandte Missionare und Entwicklungshelfer nach Afrika (Ghana) und Indien. Die Basler Mission verstand ihre Hilfe zugunsten der Dritten Welt sehr ganzheitlich. In Ghana wurde die Einheimischen in den Kakao-Anbau eingeführt. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde dieses Land zum weltweit führenden Kakao-Produzenten. Für die Angestellten in den Ziegeleien Indiens gab es zinslose Darlehen.

 
Alfred-Escher-Statue
Alfred-Escher-Statue vor dem Zürcher Bahnhofportal
 
Der Eisenbahnkönig Alfred Escher
Der Eisenbahnkönig Alfred Escher
 
Maschinenweberei zur damaligen Zeit
Maschinenweberei zur damaligen Zeit
 
Auswanderer verabschieden
Auswanderer verabschieden sich.
 
Auswanderer auf einem Schiff
Auswanderer auf einem Schiff bei der Atlantiküberquerung.
 
Kirche der Basler Mission
Kirche der Basler Mission in Kamerun

Henry Dunant, das Rote Kreuz und die Genfer Konvention
Henry Dunant geriet 1859 mitten in das Schlachtgetümmel von Soliferino. Bei Soliferino stiessen österreichische und französische Truppen aufeinander. Auf dem Schlachtfeld blieben unzählige Verwundete zurück, um die sich niemand kümmerte. Dunant sah sich plötzlich mit ihnen konfrontiert. Aus seiner christlichen Überzeugung heraus half er, wo er konnte, und sah doch, dass es an allem fehlte. Später gründete er das Rote Kreuz (heute IKRK/ICRC) und half mit, eine humanitäre Tradition der Schweiz zu begründen. 1864 bewegte er den Schweizer Bundesrat, eine internationale Konferenz einzuberufen. Die 12 Teilnehmerstaaten unterzeichneten eine Konvention zur Milderung der Kriegsfolgen. Diese Übereinkunft ging als "Genfer Konvention" in die Geschichte ein. 1901 erhielt Henry Dunant den Nobelpreis. Sein Leben lang plädierte er für die Rückkehr der Juden nach Israel.

 
Richard Wagner
Richard Wagner

Weiterführende Literatur und Links:
1. Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte. Band 4: Die Neuzeit, Hänssler Verlag 2004
2. Beat Christen, La Suisse existe, Medienhaus Jordi 2001
3. Bettag, Berner Regierung: www.jesus.ch/index.php/D/article/403-Bettag/18222-Bern:_Staat_und_Kirche_für_Stärkung_des_Bettags/
4. Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag: www.ref.ch/kirche/bettag.html
5. Historisches Lexikon der Schweiz, zur demokratischen Bewegung: www.lexhist.ch/externe/protect/textes/d/D17382.html
6. Jeremias Gotthelf: www.gotthelf.ch/
7. Peter Dürrenmatt, Schweizer Geschichte, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
8. Richard Wagner in Zürich: www.zb.unizh.ch/index.html?http://www-zb.unizh.ch/SONDERSA/MUSIK/Wagner/Freunde/Freunde.htm
9. Schweizer Geschichte allgemein: Internetportal www.geschichte-schweiz.ch
10. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Aufschwung mit dem Liberalismus, Zürich 1982
11. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Revolution und Biedermeier, Zürich 1980
12. Sigmund Widmer, Zürich - eine Kulturgeschichte. Schöngeister und Aufrührer, Zürich 1979
13. Sonderbundskrieg: www.stadtzug.ch/de/portrait/geschichte/welcome.php?action=showinfo&info_id=47



 


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