JESUS.CH - 24.10.2017, 00:27
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10. Die Zeit der Ideologien und Weltkriege

 
Karl Marx
Karl Marx, Begründer des Kommunismus

Soziale Spannungen und Aufstieg des Kommunismus
Die ersten Unternehmer konnten einem hemmungslosen Gewinnstreben nachgehen. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts gab ihnen dazu einerseits die nötigen technischen Mittel, die Aufklärung das notwendige Gedankengebäude. Die Industriellen verlangten nach einer "sozialen Disziplinierung" der Menschen. Lange Arbeitszeiten und Kinderarbeit in den Fabriken waren die Folgen für die Unterschicht - auch in der Schweiz. Die Produktionsfortschritte (aus Sicht der Industriellen) bzw. die Ausbeutung der Arbeiter waren immens: Zwischen 1870 und 1900 verdreifachte sich die weltweite Industrieproduktion. Allmählich begannen sich die Arbeiter zu organisieren und ihre Interessen zu vertreten. 1870 wurde die Sozialdemokratische Partei der Schweiz gegründet, 1880 der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Auch die Theorie des Kommunismus, begründet durch Karl Marx und Friedrich Engels, thematisierte die Leiden der Arbeiter. Im 20. Jahrhundert erwies sich der Kommunismus dann aber als eine zunehmend gottlose, realitätsfremde und menschenverachtende Ideologie.

Lenin in der Schweiz
Der Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, kam 1914 wieder in die Schweiz und
 
Wladimir Iljitsch Uljanow
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin
wurde hier auf der Flucht vor den Behörden seines Landes aufgenommen. Zusammen mit seiner Frau Nadja Krupskaja liess er sich in Bern nieder und zog im Februar 1916 nach Zürich. Dort arbeitete er an seinem Buch "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus". Neben dem Kapitalismus kritisierte Lenin auch den Imperialismus, die Abhängigkeit unterentwickelter Gebiete von den Industrieländern, die durch direkte politische oder indirekte wirtschaftliche Herrschaft aufrechterhalten wird. Am 9. April 1917 fuhr Lenin im Zug zurück nach Russland. Sechs Monate später war er der Sieger der russischen Oktoberrevolution und führte die Ideologie des Kommunismus in Russland ein, die später noch Millionen von Menschenleben forderte.

Erster Weltkrieg
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Der Bundesrat wählte Ulrich Wille zum General und ordnete
 
Schweizer Kinder warten 1917
Schweizer Kinder warten 1917 vor einer öffentlichen Suppenküche in Zürich.
die Kriegsmobilmachung an. Vor allem in der Westschweiz galt Wille vielen als "zu preussisch". Dies führte zu Spannungen zwischen dem französisch- und dem deutschsprachigen Teil des Landes. Die Schweiz als Ganze blieb neutral und besetzte ihre Grenzen. Es folgten vier entbehrungsreiche Jahre, vor allem für die Arbeiter, die am stärksten unter den Kaufkraftverlusten litt. Die Rationierung der lebenswichtigen Güter war schlecht organisiert; eine zunehmende soziale Polarisierung war die Folge. 1918 fand in der Schweiz der erste Generalstreik statt. Die streikenden Arbeiter wurden schliesslich durch Militäreinsatz zur Aufgabe gezwungen. Europaweit fielen etwa 10 Millionen Menschen dem Ersten Weltkrieg zum Opfer.

Grippe-Epidemie von 1918
Die Grippe-Epidemie von 1918 gilt als eine der schlimmsten Pandemien (weltweiten Epidemien) der Geschichte. Die "Spanische Grippe" breitete sich von China via die USA über die ganze Erde
 
Soldaten bewachen
Soldaten bewachen während des Generalstreiks das Bundeshaus.
aus. Verschiedenen Schätzungen zufolge soll diese Pandemie von 1918 weltweit 25 bis 50 Mio. Menschenleben gekostet haben. In der Schweiz fielen der Grippe fast 25'000 Menschen zum Opfer und etwa 744'000 Menschen erkrankten daran. Sie löste auch auf politischer Ebene einige Turbulenzen aus. Der Bundesrat rang sich zu einem dringlichen Beschluss durch und ermächtigte die Kantone und Gemeinden, öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte und Feste abzusagen und zu verbieten. In der Schweizer Armee, die ja damals im Aktivdienst war, versagten der Sanitätsdienst und die übrigen Betreuungs-Organisation für die Kranken.

Weltwirtschaftskrise und Aufstieg des Nationalsozialismus
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) wurde 1919 von Anton Drexler und Karl Harrer in München als Deutsche Arbeiterpartei (DAP) gegründet und 1920 in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannt. Adolf Hitler trat der Partei 1919 bei und wurde bald ihr Propagandachef. Unter dem Symbol des Hakenkreuzes begannen die Nationalsozialisten ihren Aufstieg. Schon zwei Jahre später wählte man Hitler zum
 
Lazarett während der Grippeepidemie
Lazarett während der Grippeepidemie von 1918
Parteivorsitzenden. Seitdem galt in der Partei das Führerprinzip; Mehrheitsbeschlüsse wurden abgeschafft. Bereits das Parteiprogramm vom 24. Februar 1920 enthielt antiliberale, antikapitalistische, imperialistische und besonders antisemitische Züge. 1923 trat Adolf Hitler als Redner an einer von Ulrich Wille junior organisierten Veranstaltung in Zürich auf. Die anwesenden Schweizer Industriellen spendeten grosszügig für seine NSDAP.

1929: Ein massiver Kurssturz an der New Yorker Börse löste die Weltwirtschaftskrise aus. Ihren Höhepunkt in der Schweiz erreichte sie im Jahr 1936. Der Franken wurde um 30 Prozent abgewertet, Banken verloren viel Geld in Deutschland, und die Arbeitslosigkeit stieg an. In Deutschland waren die negativen Folgen der Wirtschaftskrise noch stärker zu spüren. Viele
 
Das Hakenkreuz
Das Hakenkreuz, das Symbol der Nationalsozialisten
Menschen aus dem Mittelstand verloren durch die Inflation ihr gesamtes Vermögen und verbitterten. Dabei war die deutsche Niederlage im 1. Weltkrieg noch gar nicht verarbeitet. Viele Deutsche suchten in dieser Sinnkrise Zuflucht in esoterischen Gruppen. Der österreichische Gefreite Hitler und seine rassistischen und nationalsozialistischen Ideen fielen auf einen fruchtbaren Boden. 1933 war für ihn das Jahr der Wende. Nach einer sehr grossen Krise kam plötzlich Geld aus den USA, von der deutschen Industrie und aus der Schweiz. Dies trug entscheidend dazu bei, dass Hitler 1933 Reichskanzler wurde. Der ganze unheilvolle Aufstieg der Nazis und die Judenverfolgen nahmen ihren Lauf. Sie gipfelten im Holocaust mit - nach offizieller Zählung - sechs Millionen getöteten Juden. Der durch die Nazis angezettelte 2. Weltkrieg forderte insgesamt ca. 45 Millionen Todesopfer. Auch in der Schweiz gab es Nationalsozialisten, doch fassten sie hier nie richtig Fuss.

 
Adolf Hitler
Adolf Hitler

Die Religion der Nationalsozialisten
In der Vergangenheit wurde der Aufstieg des Nationalsozialismus (NS) oft nur historisch, politisch, psychologisch und wirtschaftlich erklärt und Adolf Hitler als skrupelloser Realpolitiker und psychopathologisches Monstrum dargestellt. Hitler war aber bestürzend logisch in allem, was er tat; er folgte der rationalen Logik einer destruktiven Religion. Der Historiker Michael Hesemann stellt die Deutung der Katastrophe vom Kopf auf die Füsse: Die NS-Politik war das Produkt einer fatalen Pseudoreligion, nicht etwa die Religion eine Begleiterscheinung der NS-Politik. Einen aufschlussreichen Einblick in Hitlers Religion gab seine Bibliothek, die nach dem Krieg in die USA (in die Kongressbibliothek) geschafft und erst kürzlich wissenschaftlich ausgewertet wurde. Die Pseudoreligion der Nazis war eine Mischung aus Wagnerianismus, Theosophie, germanischem Wotanskult, Gnosis-Lehre und Parsifal-Mystik. Die New York Times schrieb 1936 über die Nürnberger Parteitage der Nazis: "Es scheint, als würde eine neue deutsche Religion gestiftet mit einem Gott, der sich in einer unbesiegbaren deutschen Nation manifestiert, und mit Adolf Hitler als seinem modernen Propheten." Hesemann belegt in seinem Buch auch, dass nach der "Endlösung" (eigentlich: "Gesamtlösung") der "Judenfrage" die der "Christenfrage" geplant war. Auch sie wären noch verfolgt und vernichtet worden.

 
Titelseite des Buches
Titelseite des Buches von Michael Hesemann, Hitlers Religion

Widerstand von Christen gegen die Nationalsozialisten
Einige Christen zahlten aber auch schon vorher einen hohen Preis für ihren Widerstand gegen das Regime und für die Juden und Schwachen. Noch im April 1945, also in den letzten Kriegswochen, wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Konzentrationslager hingerichtet. Dort schrieb er das Gedicht: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Mike Zuchet schreibt in seinem Artikel über Bonhoeffer auf www.shoa.de :

"Bonhoeffer wurde zum entschiedenen und unerschrockenen Gegner des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Der Glaube an Gott und der Kampf gegen das Unrecht waren für ihn zwei Seiten derselben Medaille. Aber auch schon vor 1933 warnte er ausdrücklich vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Entsprechend schrieb er im Sommer 1932 - kurz vor dem grossen Wahlsieg der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 31. Juli -, dass hätte. Auch später, als seine Befürchtungen Gewissheit wurden, sprach er weiter offen aus, was er dachte - dies war mutig, weil nun lebensgefährlich."

Das Schweizer Bankkundengeheimnis
Schon während des 1. Weltkrieges brachten viele Vermögende aus dem Ausland ihr Geld in die
 
Parteitag der Nationalsozialisten
Parteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg
Schweiz, da die politische Stabilität im Heimatland nicht mehr gegeben war. 1934 wurde das Bankgeheimnis im "Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen" gesetzlich verankert. Dafür mussten sich die Banken von der Eidgenössischen Bankenkommission kontrollieren lassen. Die Bankiervereinigung definiert das weltbekannte Bankgeheimnis, als Bankkundengeheimnis, d.h. als Recht des Bankkunden auf Schutz seiner ökonomischen Privatsphäre. Tatsache ist, dass der Bankensektor heute mehr als 100'000 Personen in der Schweiz beschäftigt und über 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes generiert. Der Finanzplatz Schweiz verwaltet 2000-3000 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern und hat somit im Bereich "Offshore"-Banking (Privatvermögen, das nicht im Heimatland des Begünstigten verwaltet wird) einen Anteil von geschätzten 30-40 Prozent am Weltmarkt. Schon einige Male geriet das Schweizer Bankkundengeheimnis unter Druck, weil Potentatengelder (Gelder von Diktatoren) auf Schweizer Konten gefunden wurden, so im Falle von Ferdinand Marcos, Mobutu Sese Seko, Sani Abacha, Slobodan Milosevic, Valdimir Montesions und Jean-Claude Duvalier. Während der Zeit des Nationalsozialismus erlaubte dieses Bankkundengeheimnis reichen Juden, ihre Vermögen dem nationalsozialistischen Staat zu entziehen.

 
Goldbarren 2006

Zweiter Weltkrieg
Am 1. September 1939 überfiel das nationalsozialistische Deutschland Polen. Der Zweite Weltkrieg brach aus. In der Schweiz wählte der Bundesrat Henri Guisan zum General. Wieder wurden die Grenzen besetzt, und man blieb soweit neutral. Auch für die Schweizer Bevölkerung folgte eine entbehrungsreiche Kriegszeit mit Rationierungen der Lebensmittel, was besonders die Familien der einberufenen Soldaten (der "Aktivdienstleistenden") spürten. Der überwiegende Teil der Schweizer Bevölkerung waren Gegner des nationalsozialistischen Gedankenguts. Der Wille zum Widerstand gegen die Nazis wurde durch die behördliche Propaganda der "geistigen Landesverteigung" mobilisiert. Die Landesausstellung von 1936 trug zur Entstehung eines Nationalbewusstseins bei, das sich bis in heutige Tage im "Sonderfall Schweiz" äussert. Die Schweiz nahm Flüchtlinge auf, hätte aber noch mehr tun können und müssen angesichts der sich
 
General Guisan auf dem Rütli
Rapport von General Guisan auf dem Rütli
anbahnenden Vernichtung der Juden. Der Bundesrat befand sich auf einer Gratwanderung zwischen Widerstand gegen Nazi-Deutschland, der Wahrung einer glaubwürdigen Neutralität und taktischen realpolitischen Kompromissen gegenüber beiden Kriegsparteien, um einen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Schweiz zu verhindern. Diese Kompromisse waren zum Beispiel: Ermöglichen des Alpentransita (plombierte Züge mit Kriegsgütern durchquerten die Schweiz Richtung Italien), Abwicklung von Goldtransaktionen durch die Schweizerische für die Deutsche Nationalbank, Produktion von Militärgütern durch Schweizer Firmen für Nazi-Deutschland. Mehr als 50 Jahre später sollte die Kontroverse zum Thema Raubgold, nachrichtenlose Vermögen etc. die Schweiz noch einmal durchschütteln und Zeitungen und Bücher füllen. Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges blieb die Schweiz eine Insel inmitten eines unvorstellbar grausamen Krieges mit ca. 45 Millionen gefallenen Soldaten und Zivilisten. Die Not und Entbehrungen der Kriegsjahre lehrten auch hier wieder viele Menschen das Beten.

 
Dietrich Bonhoeffer
Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer
 
General Guisan CH-G
General Guisan, General der Schweizer Armee im 2. Weltkrieg
  

Weiterführende Literatur und Links:
1. Bankgeheimnis: http://de.wikipedia.org/wiki/Bankgeheimnis
2. Hitlers "Zürich-Connection", Zeitschrift "Facts": www.facts.ch/dyn/magazin/kultur/420966.html
3. Industrielle Revolution in der Schweiz: http://technik.geschichte-schweiz.ch/industrialisierung-schweiz.html
4. Lenin in Zürich: www.swissinfo.org/sde/swissinfo.html?siteSect=2351&sid=5280405&cKey=1098103746000
5. Michael Hesemann, Hitler und seine Religion, Pattloch-Verlag 2004
6. Schweizerische Bankiervereinigung: www.swissbanking.org
7. Schweizer Geschichte, Peter Dürrenmatt, Schweiz. Druck- und Verlagshaus AG, Zürich 1963
8. Shoa.de über Dietrich Bonhoeffer: www.shoa.de/content/view/79/92/
9. Stellungnahme der Schweizerischen Evangelischen Allianz zum Thema Schweiz - Zweiter Weltkrieg: www.each.ch/sea/stellungnahmen/detail.php?id=131423c18743b3938a230113c18743b3
10. Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg: www.uek.ch/de/index.htm



 


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